Akupunktur lindert Nackenschmerzen

StimmtHaltNicht – Wenn der Nacken schmerzt, ist das unangenehm. Insbesondere wenn sich der Schmerz in Hinterkopf oder Arm ausdehnt, sind Betroffene auf (schnelle) Abhilfe bedacht. 

Eine Behandlung, die bei Nackenschmerzen immer wieder empfohlen wird, ist die Akupunktur. Die Website Freundin schreibt zum Beispiel: „Bei chronischen Nackenschmerzen machen viele Patienten gute Erfahrungen mit Akupunktur, einer Methode der Traditionellen Chinesischen Medizin. Die feinen Nadelstiche bringen blockierte Energien wieder in Fluss, schon drei bis fünf Sitzungen (à 20 Minuten) können helfen.“ 

Aber wie sinnvoll sind solche Tipps wirklich? Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat untersucht, wie stichhaltig derartige Empfehlungen sindDie Gesundheitsexperten kommen nach Durchsicht der verfügbaren Studien zu dem Schluss: Es gibt zwar schwache Hinweise, dass eine Akupunktur Nackenschmerzen kurzfristig lindern kann. Die Wirkung ist aber gering und hält nicht längerfristig an. Davon liest man aber nichts bei unseren Freundinnen von freundin.de. Zudem fehlt uns die Information, dass die Kosten nicht generell von allen Krankenkassen übernommen werden.

 

 

Um die Wirkung von Akupunktur bei Nackenschmerzen zuverlässig beurteilen zu können, sei bessere Forschung notwendig, sagt das IQWiG. Hintergrund für die schwache Datenlage ist die Schwierigkeit, gute Studien zum Thema Akupunktur durchzuführen. So kann die Wirksamkeit der Akupunktur von vielen Faktoren abhängen, zum Beispiel von der Qualifikation des Therapeuten. Eine weitere Herausforderung bestehe darin, eine geeignete Vergleichsbehandlung zu finden. Nur durch einen Vergleich wird deutlich, welchen Einfluss die Therapie hat, und welche Besserung von selbst oder durch eine andere Behandlung eintritt. Eine Möglichkeit ist dabei die sogenannte Scheinakupunktur, bei der der Patient glaubt, nach allen Regeln der Kunst behandelt zu werden – in Wirklichkeit werden die Nadeln aber nicht dort gesetzt, wo sie laut chinesischer Lehrmeinung müssten.

Mobilisation oder Manipulation bei Nackenschmerzen?

Für sogenannte manuelle Verfahren im Bereich der Hals- oder Brustwirbelsäule gilt übrigens ähnliches. Wie das IQWiG schreibt, können sie unter Umständen Nackenschmerzen kurzfristig lindern. Auch hier gibt es jedoch nicht genug gute Studien, um die Wirkung dieser Verfahren verlässlich beurteilen zu können.

Was hilft denn nun?

Unspezifische Nackenschmerzen, schreibt das IQWiG, können mit Schmerzmitteln sowie unter anderem mit Dehnungs- und Kräftigungsübungen, Massagen, Kälte- und Wärmeanwendungen behandelt werden. Eine Operation kommt nur in bestimmten Situationen infrage. Bei chronischen Schmerzen kann eine begleitende Schmerzbehandlung sinnvoll sein.

 

Quellen:

Freundin.de, Acht Tipps gegen Nackenschmerzen: http://www.freundin.de/lifestyle-gesundheit-rueckenprobleme-acht-tipps-gegen-nackenschmerzen-264914.html, 10. Februar 2016

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Nackenschmerzen, Behandlung, Kann Akupunktur Nackenschmerzen lindern? https://www.gesundheitsinformation.de/kann-akupunktur-nackenschmerzen-lindern.2374.de.html, 10. Februar 2016

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Thema Nackenschmerzen: https://www.gesundheitsinformation.de/nackenschmerzen.2374.de.html, 10. Februar 2016

 

Zitronen helfen gegen Fieber

StimmtHaltNicht. Was tun gegen Fieber? Gerade im Winter eine gute Frage. Wir hatten schon fast eine Paracetamol im Mund, als uns die aktuelle Ausgabe der tv14 in die Hände gefallen ist. Im Heft vom 23. Januar 2016 lasen wir als Empfehlung gegen Fieber: „Eine ca. 1 cm dicke Zitronenscheibe auf jede Fußsohle legen, warme Socken drüberziehen, 15 Minuten einwirken lassen.“ Das soll also helfen.

Zitronen helfen gegen Fieber?

Zitronen helfen gegen Fieber? So verspricht es die tv14.

Uns hat natürlich interessiert: Gibt es dafür Belege? Ist das wissenschaftlich seriös an fiebernden Menschen gezeigt worden? Und: Warum müssen die Zitronenscheiben auf den Fußsohlen liegen – lässt sich Fieber von anderen Körperstellen aus nicht lindern?

Gefunden haben wir bei unserer Recherche: nichts. Geschaut haben wir in der Medizindatenbank PubMed. Gesucht haben wir zum Beispiel mit dem Begriffspaar „antipyretic citrus limon“, also fiebersenkende Zitrone. Der beste Treffer war eine Studie, in der Mäusezellen mit Limonensaft behandelt wurden. Zu wenig, um daraus eine Behandlung beim Menschen abzuleiten.

Über Google haben wir noch eine Diplomarbeit (Pdf) entdeckt, in der alternativmedizinische Pflegemethoden untersucht wurden. Demnach wird Zitronenöl auch für Wadenwickel bei Fieber eingesetzt. Zur Wirkweise und zur Effektivität (wie schnell und zuverlässig sinkt das Fieber) schweigt sich die Autorin jedoch ebenfalls aus.

Ein lustiger Fakt am Rande: Andere Hausmittel-Seiten im Internet empfehlen übrigens, sich die Zitronenscheiben bei Fieber unter die Arme zu klemmen.

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Wer Kaffee trinkt, lebt länger

Über die Unstatistik des Monats haben wir ja schon mehrfach berichtet. Auch im aktuellen Monat lohnt sich der Blick auf die entsprechende Website. Es geht um das „Lebenselixier“ Kaffee und mal wieder um kausale Zusammenhänge.

 

Aktuell bemängelt Walter Krämer verschiedene Medienmeldungen, die Kaffee für ein längeres Leben verantwortlich machen. Das klinge gut in den Ohren leidenschaftlicher Kaffeetrinker. In Wahrheit habe aber die diesen Meldungen zugrundeliegende Studie „Association of Coffee Consumption with Total and Cause-Specific Mortality in Three Large Prospective Cohorts” nur eine Korrelation notiert, also einen Zusammenfall von Kaffeekonsum und höherer Lebenserwartung, so der Statistiker:

„Ein Kausalzusammenhang, dass der Kaffeekonsum ursächlich für die höhere Lebenserwartung ist, wurde jedoch nicht festgestellt: „The association between consumption of caffeinated and decaffeinated coffee and risk of mortality remains inconclusive“ („Der Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Todesrisiko ist weiter ungeklärt“). Vielleicht verhält es sich ja auch genau umgekehrt: Menschen, die aktiv im Leben stehen und deshalb auch länger leben, trinken gerne Kaffee.“ 

Aber nicht überall wurde so berichtet. Einige Medien wie etwa Spiegel Online haben auf den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität ausdrücklich hingewiesen. 

Quelle: http://www.rwi-essen.de/unstatistik/49/

Studie: Gestillte Babys vertragen Breikost besser

StimmtHaltNicht – Mütter, die ihr Baby ausschließlich stillen, bereiten es damit besonders gut auf den Übergang zur Breikost vor. Dieser Wechsel gelingt dann besser und möglicherweise mit weniger Bauchschmerzen als bei Kindern, die nicht oder nur teilweise gestillt wurden. Das behauptet das Onlineportal Kinderärzte im Netz und verweist auf eine Studie von amerikanischen Forschern der University of North Carolina School of Medicine

Die Behauptung: Stillen ist gut für die Darmflora

In der Untersuchung hatten Wissenschaftler um Andrea Azcarate-Peril über 14 Monate Stuhlproben von neun Babys gesammelt und die darin enthaltenen Darmbakterien bestimmt. Offenbar gab es deutliche Unterschiede zwischen der Darmflora von Babys, die ausschließlich Muttermilch getrunken hatten – verglichen mit Kindern, die zusätzlich auch Muttermilchersatz bekommen hatten.

Für ihre Meldung haben die Kinderärzte im Netz augenscheinlich die Pressemitteilung zur Studie herangezogen. Aus ihr zitieren sie die Studienleiterin mit den Worten: „Wir fanden heraus, dass Babys, die ausschließlich gestillt werden, eine Darmflora besitzen, die besser für die Einführung von fester Nahrung geeignet scheint als bei nicht gestillten Babys.“ Und auch die Wissenschaftlerin Amanda Thompson wird wiedergegeben: „Stillen scheint die Umstellung auf feste Nahrung wirklich zu erleichtern.“

Die Kritik: Warum sollte man die Studie nicht zu hoch hängen?

Was uns überrascht: Der Leser erhält keinerlei Einordnung der Ergebnisse. Klar ist, dass eine Untersuchung an neun Babys keine große Aussagekraft besitzt. Je geringer die Zahl der Probanden, desto größer die Möglichkeit, Zufallsbefunde abzubilden. Die Studienautoren selbst stufen die Ergebnisse aufgrund der kleinen Stichprobe denn auch nur als einen ersten Schritt zum Erstellen von Hypothesen für größere Studien ein. In der Originalstudie schreiben sie: „While this sample size is relatively small, our fine-grained analysis permits hypothesis generation for larger studies to assess the bacterial and functional impacts of solid food introduction and daycare attendance.“ Diese Einschränkung findet sich jedoch nicht in der Pressemitteilung wieder und auch die Meldung der Kinderärzte im Netz erwähnt sie nicht.

Wir fragen uns zudem, ob der Zusammenhang zwischen der Beschaffenheit von Stuhlproben und Bauchschmerzen bei Einführung von Breikost bei Babys wirklich so klar ist, wie es hier unterstellt wird. Zumindest in der zugrundeliegenden Untersuchung wurde nicht getestet, ob es den Kindern im Magen zwickte. Das jedoch dürfte Eltern besonders interessieren. Stattdessen analysierten die Wissenschaftler, welche bakteriellen Enzyme sich in den Ausscheidungen der Babys fanden.

Eine kompetente Einordnung der Studie wäre genau das, was wir uns von Kinderärzten im Netz wünschen. Und das versprechen sie sogar selbst. Auf der Internetseite heißt es, der Berufsverband der Kinder und Jugendärzte habe sich auf die Fahnen geschrieben, Eltern, Heranwachsenden und Interessierten aktuelle, sachlich fundierte und allgemein verständliche Auskunft rund um das Thema Kindergesundheit zu bieten.

 

Quellen:
Kinder- und Jugendärzte im Netz, 13. März 2015: Übergang zu Breimahlzeiten: Darmflora von gestillten Kindern gut vorbereitet (Link)
M. A. Azcarate-Peril et al. (2015). Milk- and solid-feeding practices and daycare attendance are associated with differences in bacterial diversity, predominant communities, and metabolic and immune function of the infant gut microbiome. Front. Cell. Infect. Microbiol. DOI: 10.3389/fcimb.2015.00003 (Volltext)

„Hunde haben einen Blick für Emotionen“

StimmtHaltNicht – Können Hunde Emotionen in menschlichen Gesichtern lesen, reicht ihnen ein Blick, um Wut und Freude voneinander zu unterscheiden? Ja, sagen Verhaltensforscher um Corsin Müller vom Messerli Forschungsinstitut an der Universität Wien. Über ihre Veröffentlichung im Fachblatt Current Biology haben zum Beispiel Bild der Wissenschaft, Spiegel Online und Focus Online berichtet.

Wie sind die Wissenschaftler vorgegangen?

Corsin Müller und seine Kollegen arbeiteten im Labor hauptsächlich mit Border Collies. Diesen zeigten sie in einer Lernphase jeweils ein fröhliches und ein zorniges Frauengesicht nebeneinander auf einem Toucscreen. Während eine Gruppe Vierbeiner übte, fröhliche Gesichter anzustupsen, wurde die andere belohnt, wenn sie die wütenden Gesichter wählte. Damit es die Tiere nicht zu leicht hatten, sahen sie jeweils nur menschliche Augen oder die Mundpartie. So wollten die Wiener Wissenschaftler ausschließen, dass sich die Tiere „lediglich an auffälligen Bildunterschieden wie den hervorscheinenden Zähnen oder den Zornesfalten zwischen den Augen“ orientieren, heißt es in der Pressemitteilung.

Offenbar waren die Hunde sehr aufnahmebereit. Der Pressemitteilung zufolge lernten die Vierbeiner, „zwischen fröhlichen und zornigen Gesichtshälften zu unterscheiden und schafften anschließend die korrekte Zuordnung auch spontan für komplett neue Gesichter“. Selbst bei Augen oder Mundpartien, die sie während der Übungsphase nicht zu sehen bekommen hatten, lösten sie die Aufgabe.

Was haben wir zu meckern?

Wir sind uns nicht sicher, wie aussagekräftig die Erkenntnisse der Verhaltensforscher wirklich sind. Der Pressemittelung zufolge beteiligten sich 20 Hunde an dem Experiment. Das sind nicht viele. Möglicherweise war der Versuchsaufbau so teuer, dass schlicht das Geld für weitere Durchläufe fehlte. Wir wissen das nicht, haben vergleichbares aber schon von anderen Forschern gehört. Grundsätzlich sind kleine Stichproben immer anfälliger dafür, Zufallsfunde zu übertreiben. Rückschlüsse auf die Gesamtheit aller Hunde sind deshalb mit einer gewissen Unsicherheit behaftet.

Was uns aber sowohl in der Pressemitteilung als auch in den Berichten auf Bild der Wissenschaft, Spiegel Online und Focus Online wirklich gefehlt hat, war eine Zahl: 11. Denn zu Beginn der Lernphase waren, wie es in der Pressemitteilung heißt, 20 Hunde an der Untersuchung beteiligt.* Doch als es mit dem eigentlichen Versuch losging, waren es nur noch 11 (die korrekte Zahl steht zum Beispiel bei National Geographic oder in der Fachveröffentlichung selbst). Einige Hunde wurden demnach zum Experiment nicht zugelassen, weil sie die „Einschlusskriterien“ nicht erfüllten. Ihnen gelang es nicht, in der Trainingsphase eine vorab definierte Zahl von korrekten Lösungen zu liefern.

So, wie wir das verstehen, haben es diese Tiere also eben nicht geschafft, menschliche Emotionen zu deuten. Um sich als Leser ein Bild zu machen, wäre dieser Hinweis wirklich hilfreich gewesen. Dafür hätten die Autoren der Beiträge aber in die Studie schauen müssen.

*Die Forscher selbst schreiben von ursprünglich 24 Tieren, von denen es 18 in die Trainingsphase schafften (die anderen fielen etwa aus, weil die Frauchen keine Zeit mehr hatten).

Quellen:
Corsin A. Müller et al. (2015). Dogs Can Discriminate Emotional Expressions of Human Faces, Current Biology. DOI: 10.1016/j.cub.2014.12.055 (Abstract)
Pressemitteilung der Veterinärmedizinischen Universität Wien vom 12. Februar 2015 (Link)

„Studie: Ein Joint pro Tag schadet der Lunge nicht“

StimmtHaltNicht – Wie der Fernsehsender N24 auf seiner Website berichtet, haben amerikanische Wissenschaftler um Russell* Kempker von der Emory Universität gezeigt, dass Cannabis-Konsum nicht immer zu Beschwerden der Atemwege führen muss.

Die Behauptung: Ein Joint pro Tag ist in Ordnung

Die Forscher fanden keinen Unterschied in der Lungenfunktion von regelmäßigen Kiffern und Abstinenzlern. Das galt jedoch nur, sofern sich die Cannabis-Freunde nicht mehr als einen Joint pro Tag gönnten. Die Teilnehmer der Studie waren zwischen 18 und 59 Jahre alt; die ausgewerteten Daten deckten einen Zeitraum von 20 Jahren ab.

Was daran nicht stimmt

Anders als N24 vermeldet, haben die amerikanischen Forscher keineswegs Kiffer über 20 Jahre hinweg beobachtet und untersucht. Stattdessen haben sie die Daten von zwei Erhebungen des National Health and Nutrition Examination Survey ausgewertet. Die Erhebungen fanden 2007 bis 2008 sowie 2009 bis 2010 statt. Die Teilnehmer wurden auf ihre Lungenfunktion getestet und gaben an, ob und in welchem Umfang sie Cannabis konsumierten.
Demnach hatten Teilnehmer, die eigenen Angaben zufolge bis zu 20 Jahre regelmäßig kifften, tatsächlich keine verschlechterte Lungenfunktion.

Solche Erinnerungsstudien sind allerdings fehleranfällig. Wer kann sich schon genau daran erinnern, wie viel er vor 13 oder 19 Jahren geraucht hat? Wir können uns gut vorstellen, dass diejenigen, die Lungenprobleme haben, die Zahl ihrer Joints eher überschätzen; vielleicht, weil sie nach Ursachen für ihre Probleme suchen. Im Gegensatz dazu unterschätzen Gesunde eventuell ihren Konsum. Für ihren Alltag mag es schlichtweg keine große Bedeutung haben. Sicher könnte man nur sein, wenn der Cannabis-Konsum tatsächlich über 20 Jahre hinweg protokolliert worden wäre.

Außerdem verschweigt N24, dass Kiffer, die mehr als 20 Jahre lang inhaliert hatten, durchaus eine verschlechterte Lungenfunktion aufwiesen. (Allerdings sind die Studienautoren der Ansicht, die Probleme ähnelten eher nicht der Lungenverengungen, die sich üblicherweise bei Rauchern beobachten lassen. Wir sind keine Pulmologen und können das nicht wirklich beurteilen.)

Und das Krebsrisiko?

Worauf noch hinzuweisen wäre: Wie der Krebsinformationsdienst berichtet, wird beim Verbrennen von Tabak „eine Vielzahl von Stoffen freigesetzt, die nachweislich krebserzeugend sind oder zumindest in diesem Verdacht stehen.“ Sofern die Kiffer ihre Joints nicht ohne Tabak drehen, sind auch sie diesen Risiken ausgesetzt. (Vielleicht sogar auch sonst: Was beim Verbrennen von purem Marihuana freigesetzt wird, wissen wir nicht.) Die Heidelberger Krebsexperten meinen: „Einen unteren Grenzwert gibt es nicht: Auch wer wenig raucht, hat statistisch ein höheres Krebsrisiko als ein echter Nichtraucher.“

*Russell? Der Autor in der verlinkten Studie zumindest heißt Jordan Kempker.

Quellen:
N24 (24. Januar 2015). Ein Joint pro Tag schadet der Lunge nicht (Link)
Jordan Kempker et al. (2014). Effects of Marijuana Exposure on Expiratory Airflow: A Study of Adults who Participated in the U.S. National Health and Nutrition Examination Study. (Abstract)
Krebsinformation (2010). Gelegenheitsrauchen – Wie schädlich ist „ein bisschen“? (Link)

Depressionen behandeln

Kurz verlinkt – Wie lassen sich Depressionen behandeln? Vor wenigen Tagen haben wir über eine fragwürdige Veröffentlichung berichtet, in der pflanzliche Arzneimittel zur Therapie depressiver Verstimmungen empfohlen werden. Unsere Kritik daran lest ihr hier.

Wie es der Zufall will, widmet sich die Website www.gesundheitsinformation.de – der allgemeinverständliche Teil des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) – seit wenigen Tagen mit einem umfassenden Themen-Special allen Facetten der Depression (Link). Ausführlich geht es darin um den wissenschaftlichen Stand der Therapie dieser psychischen Störung (Übersicht und Antidepressiva). Und dieses ausführliche, in unseren Augen hervorragend aufbereitete Informationspaket legen wir euch hiermit ans Herz.

Die sechs Stufen der Depression

Kurz kritisiert – Die Ärzte Zeitung berichtet über eine Studie des Rheingold Instituts zum Thema Depression. Demnach durchlaufen „Betroffene […] einen Prozess, der sich aus sechs Komponenten zusammensetzt.“ Ziel der Untersuchung sei es gewesen, die innere Logik der psychischen Störung herauszuarbeiten.

Ob tatsächlich ein nicht erfülltes Streben nach Perfektion ursächlich für Depressionen ist, wie die Rheingold-Marktforscher schlussfolgern, wollen wir an dieser Stelle nicht diskutieren. Auch wenn wir zumindest kurz darauf hinweisen möchten, dass wohl nicht jedes Scheitern an den eigenen Ansprüchen zu einer psychischen Störung führt.

Was wir kritisieren: Die Ärzte Zeitung erwähnt zwar, dass die Untersuchung vom Naturheilmedizin-Hersteller Pascoe bezahlt wurde. Dass das irgendwie problematisch sein könnte, dass das sogar ein waschechter Interessenkonflikt ist – kein Wort dazu. Dabei findet sich in einer ausführlichen Broschüre, die Pascoe zur Studie erstellt hat, auch dieser Abschnitt:

Mit Selbstmedikation können Betroffene erste Anzeichen wie Unruhezustände und Schlafstörungen wirksam lindern. Pflanzliche Arzneimittel bieten hier sehr gute Lösungen, um depressive Verstimmungen merklich auszugleichen.

Uns ist leider nicht ganz klar, woran die Befragten in der Untersuchung tatsächlich litten. Die konkrete Diagnose ist uneindeutig. Sowohl in der Ärzte Zeitung als auch bei Pascoe heißt es nur: „Von den 40 befragten Patienten litten alle explizit unter depressiven Verstimmungen mit entsprechenden Symptomen und Merkmalen.“ Wer hat das festgestellt, mithilfe welches Klassifikationssystems? Ohne diese Informationen weiß man nicht, ob die Betroffenen sich kurzzeitig „nicht so gut gefühlt haben“ oder an einer klinischen Depression litten, bei der die Symptome mindestens zwei Wochen bestehen.

Bei letzterer zumindest empfehlen Fachleute keineswegs eine Selbstmedikation mit pflanzlichen Arzneimitteln – sondern vor allem eine medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung. Unsere Meinung: Es ist einfach nicht in Ordnung, Menschen mit einer ernstzunehmenden Erkrankung, denen Psychologen und Psychiater helfen können, zum Apotheker zu schicken, um sich Beruhigungstropfen zu besorgen.

Quelle:
Robert-Koch-Institut (2010): Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 51, Depressive Erkrankungen (PDF)
Ärzte Zeitung (21.1.2015): Die sechs Stufen der Depression (Link)
Pascoe Naturmedizin (2015): Die geheime Logik der Depression (PDF)

 

Babys: Sechs Monate ausschließlich stillen

StimmtHaltNicht – Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, Babys in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen. Dies sei optimal für die Gesundheit von Säuglingen. Neuere Studien stellen diese Sichtweise jedoch infrage. Demnach sind vier Monate Muttermilch ausreichend, danach scheinen Eltern hierzulande ohne schlechtes Gewissen beispielsweise Brei zufüttern zu dürfen.

Neuere Untersuchungen sagen, dass Eltern in Deutschland bereits vor dem sechsten Monat zufüttern sollten.

Hmmm… Das schmeckt auch schon mit fünf Monaten. Neuere Untersuchungen sagen, dass Eltern in Deutschland bereits vor dem sechsten Monat zufüttern sollten.

Welche Vorteile und Nachteile hat es, Babys länger zu stillen? Britische Wissenschaftler um Mary Fewtrell entschlossen sich nach Auswertung des Forschungsstands zu einer Einerseits-Andererseits-Aussage (Zusammenfassung). Denn offenbar hatten Säuglinge, die sechs Monate ausschließlich Muttermilch tranken, ein höheres Risiko für Blutarmut, Nahrungsmittelallergien und Zöliakie. Als Vergleichsgruppe dienten jeweils Kinder, die nach vier Monaten auch andere Nahrung erhielten. Allerdings schien die Muttermilch Infektionen, beispielsweise Lungenentzündungen, vorzubeugen. Fewtrell meint, in Regionen mit schlechter medizinischer Versorgung überwiegen deshalb die Vorteile des sechsmonatigen Stillens die Nachteile. In westlichen Gegenden wie Deutschland gilt diese Einschränkung jedoch nicht.

Und was ist mit Allergien?

Muttermilch enthält kaum allergieauslösende Substanzen. Deshalb liegt die Überlegung nahe, dass es Kinder schützt, wenn sie möglichst lange gestillt werden und so den Kontakt mit Allergenen zu vermeiden. Nach einigen Lebensmonaten kann der kindliche Körper dann schon besser damit umgehen und erkrankt seltener, besagt die Theorie.

Doch wie schon die Übersichtsarbeit von Fewtrell aus dem Jahre 2011 kommen auch neuere Erhebungen zu anderen Ergebnissen. Stefano Luccioli und Kollegen begleiteten Mütter und ihre Kinder in den ersten zwölf Lebensmonaten. Im Alter von sechs Jahren nahmen die Forscher wieder Kontakt auf. Etwa sechs Prozent der 1500 jungen Probanden hatten eine Nahrungsmittelallergie entwickelt. Aber die Stillgewohnheiten hatten darauf nur einen geringen Einfluss: Nur Kinder ohne Allergierisiko erkrankten geringfügig seltener. Diejenigen, die etwa familiäre Vorbelastungen hatten, profitierten dagegen nicht (Zusammenfassung).

Und deutsche Fachleute schreiben in einer Leitlinie zur Allergievorbeugung, für einen Schutz des ausschließlichen Stillens über die ersten vier Lebensmonate hinaus gebe es keine hinreichenden Belege.

Quellen:
Mary Fewtrell et. al. (2011). Six month of exclusive breast feeding: how good is the evidence? British Medical Journal, 324, c5955 (Abstract)
Stefano Luccioli et. al. (2014). Instant feeding practices and reported food allergies at age of 6. Pediatrics, 134, Supplement 1, S21-S28 (Volltext)
AWMF (2014). S3-Leitlinie Allergieprävention (Volltext)