Wer Kaffee trinkt, lebt länger

Über die Unstatistik des Monats haben wir ja schon mehrfach berichtet. Auch im aktuellen Monat lohnt sich der Blick auf die entsprechende Website. Es geht um das „Lebenselixier“ Kaffee und mal wieder um kausale Zusammenhänge.

 

Aktuell bemängelt Walter Krämer verschiedene Medienmeldungen, die Kaffee für ein längeres Leben verantwortlich machen. Das klinge gut in den Ohren leidenschaftlicher Kaffeetrinker. In Wahrheit habe aber die diesen Meldungen zugrundeliegende Studie „Association of Coffee Consumption with Total and Cause-Specific Mortality in Three Large Prospective Cohorts” nur eine Korrelation notiert, also einen Zusammenfall von Kaffeekonsum und höherer Lebenserwartung, so der Statistiker:

„Ein Kausalzusammenhang, dass der Kaffeekonsum ursächlich für die höhere Lebenserwartung ist, wurde jedoch nicht festgestellt: „The association between consumption of caffeinated and decaffeinated coffee and risk of mortality remains inconclusive“ („Der Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Todesrisiko ist weiter ungeklärt“). Vielleicht verhält es sich ja auch genau umgekehrt: Menschen, die aktiv im Leben stehen und deshalb auch länger leben, trinken gerne Kaffee.“ 

Aber nicht überall wurde so berichtet. Einige Medien wie etwa Spiegel Online haben auf den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität ausdrücklich hingewiesen. 

Quelle: http://www.rwi-essen.de/unstatistik/49/

Redaktionstreffen in Berlin

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Auch wenn sich unsere Schlagzahl aufgrund zwei guter Gründe etwas verlangsamt hat, wir bleiben dran… Danke für Euer Interesse.

Johannes und Marcel

Studie: Gestillte Babys vertragen Breikost besser

StimmtHaltNicht – Mütter, die ihr Baby ausschließlich stillen, bereiten es damit besonders gut auf den Übergang zur Breikost vor. Dieser Wechsel gelingt dann besser und möglicherweise mit weniger Bauchschmerzen als bei Kindern, die nicht oder nur teilweise gestillt wurden. Das behauptet das Onlineportal Kinderärzte im Netz und verweist auf eine Studie von amerikanischen Forschern der University of North Carolina School of Medicine

Die Behauptung: Stillen ist gut für die Darmflora

In der Untersuchung hatten Wissenschaftler um Andrea Azcarate-Peril über 14 Monate Stuhlproben von neun Babys gesammelt und die darin enthaltenen Darmbakterien bestimmt. Offenbar gab es deutliche Unterschiede zwischen der Darmflora von Babys, die ausschließlich Muttermilch getrunken hatten – verglichen mit Kindern, die zusätzlich auch Muttermilchersatz bekommen hatten.

Für ihre Meldung haben die Kinderärzte im Netz augenscheinlich die Pressemitteilung zur Studie herangezogen. Aus ihr zitieren sie die Studienleiterin mit den Worten: „Wir fanden heraus, dass Babys, die ausschließlich gestillt werden, eine Darmflora besitzen, die besser für die Einführung von fester Nahrung geeignet scheint als bei nicht gestillten Babys.“ Und auch die Wissenschaftlerin Amanda Thompson wird wiedergegeben: „Stillen scheint die Umstellung auf feste Nahrung wirklich zu erleichtern.“

Die Kritik: Warum sollte man die Studie nicht zu hoch hängen?

Was uns überrascht: Der Leser erhält keinerlei Einordnung der Ergebnisse. Klar ist, dass eine Untersuchung an neun Babys keine große Aussagekraft besitzt. Je geringer die Zahl der Probanden, desto größer die Möglichkeit, Zufallsbefunde abzubilden. Die Studienautoren selbst stufen die Ergebnisse aufgrund der kleinen Stichprobe denn auch nur als einen ersten Schritt zum Erstellen von Hypothesen für größere Studien ein. In der Originalstudie schreiben sie: „While this sample size is relatively small, our fine-grained analysis permits hypothesis generation for larger studies to assess the bacterial and functional impacts of solid food introduction and daycare attendance.“ Diese Einschränkung findet sich jedoch nicht in der Pressemitteilung wieder und auch die Meldung der Kinderärzte im Netz erwähnt sie nicht.

Wir fragen uns zudem, ob der Zusammenhang zwischen der Beschaffenheit von Stuhlproben und Bauchschmerzen bei Einführung von Breikost bei Babys wirklich so klar ist, wie es hier unterstellt wird. Zumindest in der zugrundeliegenden Untersuchung wurde nicht getestet, ob es den Kindern im Magen zwickte. Das jedoch dürfte Eltern besonders interessieren. Stattdessen analysierten die Wissenschaftler, welche bakteriellen Enzyme sich in den Ausscheidungen der Babys fanden.

Eine kompetente Einordnung der Studie wäre genau das, was wir uns von Kinderärzten im Netz wünschen. Und das versprechen sie sogar selbst. Auf der Internetseite heißt es, der Berufsverband der Kinder und Jugendärzte habe sich auf die Fahnen geschrieben, Eltern, Heranwachsenden und Interessierten aktuelle, sachlich fundierte und allgemein verständliche Auskunft rund um das Thema Kindergesundheit zu bieten.

 

Quellen:
Kinder- und Jugendärzte im Netz, 13. März 2015: Übergang zu Breimahlzeiten: Darmflora von gestillten Kindern gut vorbereitet (Link)
M. A. Azcarate-Peril et al. (2015). Milk- and solid-feeding practices and daycare attendance are associated with differences in bacterial diversity, predominant communities, and metabolic and immune function of the infant gut microbiome. Front. Cell. Infect. Microbiol. DOI: 10.3389/fcimb.2015.00003 (Volltext)

„Hunde haben einen Blick für Emotionen“

StimmtHaltNicht – Können Hunde Emotionen in menschlichen Gesichtern lesen, reicht ihnen ein Blick, um Wut und Freude voneinander zu unterscheiden? Ja, sagen Verhaltensforscher um Corsin Müller vom Messerli Forschungsinstitut an der Universität Wien. Über ihre Veröffentlichung im Fachblatt Current Biology haben zum Beispiel Bild der Wissenschaft, Spiegel Online und Focus Online berichtet.

Wie sind die Wissenschaftler vorgegangen?

Corsin Müller und seine Kollegen arbeiteten im Labor hauptsächlich mit Border Collies. Diesen zeigten sie in einer Lernphase jeweils ein fröhliches und ein zorniges Frauengesicht nebeneinander auf einem Toucscreen. Während eine Gruppe Vierbeiner übte, fröhliche Gesichter anzustupsen, wurde die andere belohnt, wenn sie die wütenden Gesichter wählte. Damit es die Tiere nicht zu leicht hatten, sahen sie jeweils nur menschliche Augen oder die Mundpartie. So wollten die Wiener Wissenschaftler ausschließen, dass sich die Tiere „lediglich an auffälligen Bildunterschieden wie den hervorscheinenden Zähnen oder den Zornesfalten zwischen den Augen“ orientieren, heißt es in der Pressemitteilung.

Offenbar waren die Hunde sehr aufnahmebereit. Der Pressemitteilung zufolge lernten die Vierbeiner, „zwischen fröhlichen und zornigen Gesichtshälften zu unterscheiden und schafften anschließend die korrekte Zuordnung auch spontan für komplett neue Gesichter“. Selbst bei Augen oder Mundpartien, die sie während der Übungsphase nicht zu sehen bekommen hatten, lösten sie die Aufgabe.

Was haben wir zu meckern?

Wir sind uns nicht sicher, wie aussagekräftig die Erkenntnisse der Verhaltensforscher wirklich sind. Der Pressemittelung zufolge beteiligten sich 20 Hunde an dem Experiment. Das sind nicht viele. Möglicherweise war der Versuchsaufbau so teuer, dass schlicht das Geld für weitere Durchläufe fehlte. Wir wissen das nicht, haben vergleichbares aber schon von anderen Forschern gehört. Grundsätzlich sind kleine Stichproben immer anfälliger dafür, Zufallsfunde zu übertreiben. Rückschlüsse auf die Gesamtheit aller Hunde sind deshalb mit einer gewissen Unsicherheit behaftet.

Was uns aber sowohl in der Pressemitteilung als auch in den Berichten auf Bild der Wissenschaft, Spiegel Online und Focus Online wirklich gefehlt hat, war eine Zahl: 11. Denn zu Beginn der Lernphase waren, wie es in der Pressemitteilung heißt, 20 Hunde an der Untersuchung beteiligt.* Doch als es mit dem eigentlichen Versuch losging, waren es nur noch 11 (die korrekte Zahl steht zum Beispiel bei National Geographic oder in der Fachveröffentlichung selbst). Einige Hunde wurden demnach zum Experiment nicht zugelassen, weil sie die „Einschlusskriterien“ nicht erfüllten. Ihnen gelang es nicht, in der Trainingsphase eine vorab definierte Zahl von korrekten Lösungen zu liefern.

So, wie wir das verstehen, haben es diese Tiere also eben nicht geschafft, menschliche Emotionen zu deuten. Um sich als Leser ein Bild zu machen, wäre dieser Hinweis wirklich hilfreich gewesen. Dafür hätten die Autoren der Beiträge aber in die Studie schauen müssen.

*Die Forscher selbst schreiben von ursprünglich 24 Tieren, von denen es 18 in die Trainingsphase schafften (die anderen fielen etwa aus, weil die Frauchen keine Zeit mehr hatten).

Quellen:
Corsin A. Müller et al. (2015). Dogs Can Discriminate Emotional Expressions of Human Faces, Current Biology. DOI: 10.1016/j.cub.2014.12.055 (Abstract)
Pressemitteilung der Veterinärmedizinischen Universität Wien vom 12. Februar 2015 (Link)

„Studie: Ein Joint pro Tag schadet der Lunge nicht“

StimmtHaltNicht – Wie der Fernsehsender N24 auf seiner Website berichtet, haben amerikanische Wissenschaftler um Russell* Kempker von der Emory Universität gezeigt, dass Cannabis-Konsum nicht immer zu Beschwerden der Atemwege führen muss.

Die Behauptung: Ein Joint pro Tag ist in Ordnung

Die Forscher fanden keinen Unterschied in der Lungenfunktion von regelmäßigen Kiffern und Abstinenzlern. Das galt jedoch nur, sofern sich die Cannabis-Freunde nicht mehr als einen Joint pro Tag gönnten. Die Teilnehmer der Studie waren zwischen 18 und 59 Jahre alt; die ausgewerteten Daten deckten einen Zeitraum von 20 Jahren ab.

Was daran nicht stimmt

Anders als N24 vermeldet, haben die amerikanischen Forscher keineswegs Kiffer über 20 Jahre hinweg beobachtet und untersucht. Stattdessen haben sie die Daten von zwei Erhebungen des National Health and Nutrition Examination Survey ausgewertet. Die Erhebungen fanden 2007 bis 2008 sowie 2009 bis 2010 statt. Die Teilnehmer wurden auf ihre Lungenfunktion getestet und gaben an, ob und in welchem Umfang sie Cannabis konsumierten.
Demnach hatten Teilnehmer, die eigenen Angaben zufolge bis zu 20 Jahre regelmäßig kifften, tatsächlich keine verschlechterte Lungenfunktion.

Solche Erinnerungsstudien sind allerdings fehleranfällig. Wer kann sich schon genau daran erinnern, wie viel er vor 13 oder 19 Jahren geraucht hat? Wir können uns gut vorstellen, dass diejenigen, die Lungenprobleme haben, die Zahl ihrer Joints eher überschätzen; vielleicht, weil sie nach Ursachen für ihre Probleme suchen. Im Gegensatz dazu unterschätzen Gesunde eventuell ihren Konsum. Für ihren Alltag mag es schlichtweg keine große Bedeutung haben. Sicher könnte man nur sein, wenn der Cannabis-Konsum tatsächlich über 20 Jahre hinweg protokolliert worden wäre.

Außerdem verschweigt N24, dass Kiffer, die mehr als 20 Jahre lang inhaliert hatten, durchaus eine verschlechterte Lungenfunktion aufwiesen. (Allerdings sind die Studienautoren der Ansicht, die Probleme ähnelten eher nicht der Lungenverengungen, die sich üblicherweise bei Rauchern beobachten lassen. Wir sind keine Pulmologen und können das nicht wirklich beurteilen.)

Und das Krebsrisiko?

Worauf noch hinzuweisen wäre: Wie der Krebsinformationsdienst berichtet, wird beim Verbrennen von Tabak „eine Vielzahl von Stoffen freigesetzt, die nachweislich krebserzeugend sind oder zumindest in diesem Verdacht stehen.“ Sofern die Kiffer ihre Joints nicht ohne Tabak drehen, sind auch sie diesen Risiken ausgesetzt. (Vielleicht sogar auch sonst: Was beim Verbrennen von purem Marihuana freigesetzt wird, wissen wir nicht.) Die Heidelberger Krebsexperten meinen: „Einen unteren Grenzwert gibt es nicht: Auch wer wenig raucht, hat statistisch ein höheres Krebsrisiko als ein echter Nichtraucher.“

*Russell? Der Autor in der verlinkten Studie zumindest heißt Jordan Kempker.

Quellen:
N24 (24. Januar 2015). Ein Joint pro Tag schadet der Lunge nicht (Link)
Jordan Kempker et al. (2014). Effects of Marijuana Exposure on Expiratory Airflow: A Study of Adults who Participated in the U.S. National Health and Nutrition Examination Study. (Abstract)
Krebsinformation (2010). Gelegenheitsrauchen – Wie schädlich ist „ein bisschen“? (Link)

Depressionen behandeln

Kurz verlinkt – Wie lassen sich Depressionen behandeln? Vor wenigen Tagen haben wir über eine fragwürdige Veröffentlichung berichtet, in der pflanzliche Arzneimittel zur Therapie depressiver Verstimmungen empfohlen werden. Unsere Kritik daran lest ihr hier.

Wie es der Zufall will, widmet sich die Website www.gesundheitsinformation.de – der allgemeinverständliche Teil des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) – seit wenigen Tagen mit einem umfassenden Themen-Special allen Facetten der Depression (Link). Ausführlich geht es darin um den wissenschaftlichen Stand der Therapie dieser psychischen Störung (Übersicht und Antidepressiva). Und dieses ausführliche, in unseren Augen hervorragend aufbereitete Informationspaket legen wir euch hiermit ans Herz.

Die sechs Stufen der Depression

Kurz kritisiert – Die Ärzte Zeitung berichtet über eine Studie des Rheingold Instituts zum Thema Depression. Demnach durchlaufen „Betroffene […] einen Prozess, der sich aus sechs Komponenten zusammensetzt.“ Ziel der Untersuchung sei es gewesen, die innere Logik der psychischen Störung herauszuarbeiten.

Ob tatsächlich ein nicht erfülltes Streben nach Perfektion ursächlich für Depressionen ist, wie die Rheingold-Marktforscher schlussfolgern, wollen wir an dieser Stelle nicht diskutieren. Auch wenn wir zumindest kurz darauf hinweisen möchten, dass wohl nicht jedes Scheitern an den eigenen Ansprüchen zu einer psychischen Störung führt.

Was wir kritisieren: Die Ärzte Zeitung erwähnt zwar, dass die Untersuchung vom Naturheilmedizin-Hersteller Pascoe bezahlt wurde. Dass das irgendwie problematisch sein könnte, dass das sogar ein waschechter Interessenkonflikt ist – kein Wort dazu. Dabei findet sich in einer ausführlichen Broschüre, die Pascoe zur Studie erstellt hat, auch dieser Abschnitt:

Mit Selbstmedikation können Betroffene erste Anzeichen wie Unruhezustände und Schlafstörungen wirksam lindern. Pflanzliche Arzneimittel bieten hier sehr gute Lösungen, um depressive Verstimmungen merklich auszugleichen.

Uns ist leider nicht ganz klar, woran die Befragten in der Untersuchung tatsächlich litten. Die konkrete Diagnose ist uneindeutig. Sowohl in der Ärzte Zeitung als auch bei Pascoe heißt es nur: „Von den 40 befragten Patienten litten alle explizit unter depressiven Verstimmungen mit entsprechenden Symptomen und Merkmalen.“ Wer hat das festgestellt, mithilfe welches Klassifikationssystems? Ohne diese Informationen weiß man nicht, ob die Betroffenen sich kurzzeitig „nicht so gut gefühlt haben“ oder an einer klinischen Depression litten, bei der die Symptome mindestens zwei Wochen bestehen.

Bei letzterer zumindest empfehlen Fachleute keineswegs eine Selbstmedikation mit pflanzlichen Arzneimitteln – sondern vor allem eine medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung. Unsere Meinung: Es ist einfach nicht in Ordnung, Menschen mit einer ernstzunehmenden Erkrankung, denen Psychologen und Psychiater helfen können, zum Apotheker zu schicken, um sich Beruhigungstropfen zu besorgen.

Quelle:
Robert-Koch-Institut (2010): Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 51, Depressive Erkrankungen (PDF)
Ärzte Zeitung (21.1.2015): Die sechs Stufen der Depression (Link)
Pascoe Naturmedizin (2015): Die geheime Logik der Depression (PDF)

 

Diättipp: Eier helfen beim Abnehmen

Marmelade und Brötchen sind wenig ratsam, wenn man abnehmen möchte. Besser sind Rühreier. Das zumindest verspricht ein Diättipp in der Zeitschrift TV 14 (Ausgabe Nr. 23 Nov. 2014). Demnach haben Diätwillige, die regelmäßig Eier zum Frühstück aßen, 65 Prozent mehr Gewicht verloren als Brötchen-Freunde.

Wir haben uns die Studie, die dieser Aussage zugrunde liegt, genauer angeschaut – und haben dann doch einige Ergänzungen.*

Erstmal ein wenig Hintergrund: Für diese Aussage wurden 79 Übergewichtige mit einem Durchschnittsgewicht von 95,8 Kilogramm (Brötchengruppe) und 92,5 Kilogramm (Eiergruppe) miteinander verglichen. Über acht Wochen aßen die Probanden an fünf Wochentagen ein vorgegebenes Frühstück. Entweder ein Brötchen (Bagel) mit Frischkäse und Joghurt (339 kcal) oder zwei Eier, Toast und Marmelade (340 kcal). Alle Teilnehmer dieser Gruppen sollten zudem bei den späteren Mahlzeiten auf 1200 bis 1800 kcal verzichten, abhängig vom Ausgangs-BMI.

Marmeladenbrötchen oder Rührei?
Marmeladenbrötchen oder Rührei? Diättipp in der TV 14 (Ausgabe Nr. 23 Nov. 2014)

Nach acht Wochen hatten beide Gruppen abgenommen. Die Brötchen-Esser im Schnitt 1,59 Kilogramm, die Ei-Esser 2,63 Kilogramm – was einem (relativen) Unterschied von 65 Prozent entspricht.

Unsere Anmerkungen
Absolute Werte wären besser verständlich. 65 Prozent mehr Gewicht abzunehmen klingt viel. Für zwei Monate, an denen man sich jede Woche fünf mal zwei Eier reinzwingt, ist ein Unterschied von einem Kilogramm bei Menschen mit einem Ausgangsgewicht von mehr als 90 Kilogramm jedoch gar nicht mehr so beeindruckend. Außerdem fragen wir uns, ob das Ergebnis nach acht Wochen wirklich relevant ist: Mit den meisten Abnehmprogrammen verliert man kurzfristig Gewicht. Es hapert aber in der Regel daran, über einen längeren Zeitraum schlank zu bleiben. Interessant wäre deshalb ein Vergleich nach mehreren Jahren.

Uns verwundert auch, wie die Journalisten der TV-Zeitschrift das Studiendesign erklären. So wie wir die Studie verstehen, war es prinzipiell egal, wie die Eiergruppe ihre Eier zubereitete – ob als Spiegelei oder zum Beispiel gekochtes Ei. Die freie Interpretation, dass es auch bei Rühreiern – bei denen eventuell Milch und Butter untergerührt wird – bei diesem Ergebnis bleibt, könnte man zumindest infrage stellen. Auch bei der Aussage, dass Eier einen Vorteil gegenüber „Marmeladenbrötchen“ erzielen ist uns unklar, woher sie stammt. Aß doch die Brötchengruppe ihre Bagel mit Frischkäse und Joghurt. Marmelade gab es lediglich in der Eiergruppe.

Und dann: Was ist mit möglichen Risiken? Die Studienautoren verweisen darauf, dass ihre Ei-Diät mit 213 Milligramm Cholesterol pro Ei zusätzlich einhergeht. Zwar meinen die Forscher, dass das den Probanden nicht geschadet habe. Aber wie vertrauenswürdig ist eine Untersuchung, die von einer Lobbyorganisation der amerikanischen Eier-Industrie, dem American Egg Board finanziert wird?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt übrigens, höchstens drei Eier pro Woche zu verzehren. Und da sind schon die enthalten, die im Kuchen stecken.

Quellen:
JS Vander Wal et al. (2008). Egg breakfast enhances weight loss. International Journal of Obesity, 32, 1545–1551. DOI: 10.1038/ijo.2008.130 (Volltext)
TV 14 (Ausgabe Nr. 23 Nov. 2014)
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2004). DGE-Ernährungskreis (Link)

* Der Diättipp erwähnt, dass die Behauptung auf einer „Studie der Louisiana State University“ beruht. Wir haben die gängigen Datenbanken bemüht und die oben zitierte Studie gefunden (in der es um Frühstückseier und eine Gewichtsreduktion um 65 Prozent sowie eine Reduzierung des Bauchumfangs um 34 Prozent geht). Ob diese wirklich die zitierte Studie ist, können wir aufgrund mangelnder Quellenangabe leider nicht sagen.

Sex mit vielen Frauen schützt vor Prostatakrebs

StimmtHaltNicht – Schläft Mann mit mehr als 20 Frauen, betreibt er Prostatakrebs-Vorsorge. So oder ähnlich lauteten in der vergangenen Woche die medialen Reaktionen auf eine kanadische Studie (Beispiele gibt es etwa hier oder hier). Wie die Studienergebnisse zustande kamen und dass deren Interpretation von Experten durchaus kritisch gesehen wird, darüber wurde jedoch kaum berichtet.

Die Studie: Prostatakrebs und Sex mit Frauen

Die kanadischen Wissenschaftler von der Universität Montreal hatten rund 1600 Prostatakrebs-Patienten nach ihrem Sexualverhalten gefragt und diese Erkenntnisse mit den Daten einer ähnlichen Gruppe gesunder Männer verglichen. Die Forscher setzten die Angaben besonders kontaktfreudiger und eher verklemmter Männer miteinander in Verbindung. Demnach hatten Männer, die mehr als 20 Sexpartnerinnen in ihrem Leben hatten, ein geringeres Risiko für Prostatakrebs als solche, die nur auf eine Partnerin kamen (für die meisten Männer, die zwei bis 20 Partnerinnen haben, sind diese Studienergebnisse demnach irrelevant).

Die mediale Berichterstattung über diese Studienergebnisse erweckt jedoch zum Teil den Anschein, dass es zwischen der Anzahl der Sexualpartnerinnen und einer Prostatakrebserkrankung einen Ursachen-Wirkung-Zusammenhang gibt. Diesen Schluss lässt die Studienform jedoch nicht zu.

Kritik am Studiendesign

Kritik am Studiendesign übt beispielsweise Dr. Mieke Van Hemelrijck vom King’s College London. Die Expertin für Krebsepidemiologie sagte dem Guardian: “Sexual activity was assessed with an interview. So we can’t be sure that men with prostate cancer didn’t reply in a different way to men without prostate cancer.” Und auch die Ergebnisse ließen keinen klaren Rückschluss auf einen kausalen Zusammenhang zwischen vielen Sexualpartnerinnen und Prostatakrebs zu. Es sei beispielsweise möglich, dass Männer, die nach sexueller Vielfalt suchen, im Alltag mehr auf sich achten und gesünder leben. Männer, die ihr Leben lang einer oder wenigen Partnerinnen treu bleiben, neigen laut Van Hemelrijck auch eher dazu, zum Proststakrebs-Screening zu gehen. Ihr Krebs wird dann auch häufiger erkannt.

Risikofaktoren für Prostatakrebs nicht bekannt

Die sexuelle Aktivität gilt laut Krebisinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums in Zusammenhang mit Prostatakrebs übrigens als widerlegtes Risiko (Stand 27.02.2014). Was genau den Krebs verursacht, weiß man heute (noch) nicht. Neben genetischen Veranlagungen vermutet man etwa auch im Lebensstil einen Risikofaktor für das Prostatakarzinom.

Quellen:

Andrea R. Spence, Marie-Claude Rousseau, Marie-Élise Parente. Sexual partners, sexually transmitted infections, and prostate cancer risk. Published Online: September 29, 2014 DOI: http://dx.doi.org/10.1016/j.canep.2014.09.005

The Guardian, Does sex with more than 20 women really protect against prostate cancer?, http://www.theguardian.com/society/shortcuts/2014/oct/29/does-sex-protect-against-prostate-cancer

Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums, Prostatakrebs: Risikofaktoren und Vorbeugung, http://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/prostatakrebs/risikofaktoren.php

Zentrum für Krebsregisterdaten, Krebs in Deutschland, http://www.rki.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/krebs_in_deutschland_node.html

„Ältere Menschen sollten sich gegen Grippe impfen lassen“

StimmtHaltNicht – Es ist unklar, ob Senioren besonders von einer Grippeimpfung profitieren. Trotzdem werden sie jeden Herbst dazu aufgefordert. Ein Beispiel haben wir im Münchner Merkur vom 10. Oktober entdeckt – unter der Überschrift: „Darum lohnt sich Grippe-Impfung„.

Grippeimpfung: Der Hintergrund

Eine Grippeimpfung verringert die Wahrscheinlichkeit, an Grippe zu erkranken. (Überschriften wie „Ein Piks bewahrt vor Grippe“ sind deshalb Quatsch.) Ärzte empfehlen diesen Schutz für Menschen, die bei einer Ansteckung ein hohes Risiko für schwere Krankheitsverläufe haben. Weitgehend einig sind sich Fachleute, dass zum Beispiel Schwangere und Kinder einen Nutzen davon haben. Häufig wird auch Menschen ab 65 Jahren diese Impfung nahegelegt.

Ist Alter ein Risikofaktor?

Unklar ist aber, ob ein gesunder 70-Jähriger mehr davon hat, sich piksen zu lassen als ein gesunder 30-Jähriger. Zwar haben frühere Studien gezeigt, dass eine Immunisierung die Todesfälle unter Senioren verringern kann. Die Qualität dieser Arbeiten ist aus heutiger Sicht jedoch fraglich. Manche Experten vermuten zudem, bei Älteren sei die Antwort des Immunsystems auf die Impfung weniger ausgeprägt als bei jüngeren Menschen – und der Schutz deshalb geringer.

Was die Cochrane Collaboration meint

Wissenschaftler um den Epidemiologen Tom Jefferson haben im Auftrag der renommierten Cochrane Collaboration versucht, diese Frage zu beantworten. Sie werteten die Ergebnisse von 75 Studien aus. Dabei überprüften Jefferson und seine Kollegen nicht nur, ob eine Impfung grundsätzlich wirkt. Die Forscher wollten zudem wissen, ob immunisierte Senioren seltener unter schweren Krankheitsverläufen litten, seltener wegen Influenza im Krankenhaus behandelt wurden und seltener daran verstarben.

Uns zumindest haben die Ergebnisse überrascht: Demnach gab es zum Zeitpunkt von Jeffersons Untersuchung keine hochwertigen Studien, die Antwort auf diese Fragen liefern können.

Wie sinnvoll es ist, ältere Menschen ohne bekannte Risikofaktoren gegen Influenza zu impfen, weiß man also nicht mit letzter Sicherheit.

Quellen:
Mark Porter: Inside Health. BBC Radio 4, Podcast, 1. Oktober 2014 (Link)
Tom Jefferson et al. (2010). Vaccines for preventing influenza in the elderly. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 2. DOI: 10.1002/14651858.CD004876.pub3. (Abstract)
Melinda Wenner Moyer (2012): Flu Shots May Not Protect the Elderly or the Very Young. Scientific American, online. (Link)
Gesundheitsinformation.de (2013). Wie viel Schutz bietet eine Grippeimpfung? (Link)