Die sechs Stufen der Depression

Kurz kritisiert – Die Ärzte Zeitung berichtet über eine Studie des Rheingold Instituts zum Thema Depression. Demnach durchlaufen „Betroffene […] einen Prozess, der sich aus sechs Komponenten zusammensetzt.“ Ziel der Untersuchung sei es gewesen, die innere Logik der psychischen Störung herauszuarbeiten.

Ob tatsächlich ein nicht erfülltes Streben nach Perfektion ursächlich für Depressionen ist, wie die Rheingold-Marktforscher schlussfolgern, wollen wir an dieser Stelle nicht diskutieren. Auch wenn wir zumindest kurz darauf hinweisen möchten, dass wohl nicht jedes Scheitern an den eigenen Ansprüchen zu einer psychischen Störung führt.

Was wir kritisieren: Die Ärzte Zeitung erwähnt zwar, dass die Untersuchung vom Naturheilmedizin-Hersteller Pascoe bezahlt wurde. Dass das irgendwie problematisch sein könnte, dass das sogar ein waschechter Interessenkonflikt ist – kein Wort dazu. Dabei findet sich in einer ausführlichen Broschüre, die Pascoe zur Studie erstellt hat, auch dieser Abschnitt:

Mit Selbstmedikation können Betroffene erste Anzeichen wie Unruhezustände und Schlafstörungen wirksam lindern. Pflanzliche Arzneimittel bieten hier sehr gute Lösungen, um depressive Verstimmungen merklich auszugleichen.

Uns ist leider nicht ganz klar, woran die Befragten in der Untersuchung tatsächlich litten. Die konkrete Diagnose ist uneindeutig. Sowohl in der Ärzte Zeitung als auch bei Pascoe heißt es nur: „Von den 40 befragten Patienten litten alle explizit unter depressiven Verstimmungen mit entsprechenden Symptomen und Merkmalen.“ Wer hat das festgestellt, mithilfe welches Klassifikationssystems? Ohne diese Informationen weiß man nicht, ob die Betroffenen sich kurzzeitig „nicht so gut gefühlt haben“ oder an einer klinischen Depression litten, bei der die Symptome mindestens zwei Wochen bestehen.

Bei letzterer zumindest empfehlen Fachleute keineswegs eine Selbstmedikation mit pflanzlichen Arzneimitteln – sondern vor allem eine medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung. Unsere Meinung: Es ist einfach nicht in Ordnung, Menschen mit einer ernstzunehmenden Erkrankung, denen Psychologen und Psychiater helfen können, zum Apotheker zu schicken, um sich Beruhigungstropfen zu besorgen.

Quelle:
Robert-Koch-Institut (2010): Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 51, Depressive Erkrankungen (PDF)
Ärzte Zeitung (21.1.2015): Die sechs Stufen der Depression (Link)
Pascoe Naturmedizin (2015): Die geheime Logik der Depression (PDF)

 

„Herr König wird eher befördert als Herr Bauer“

StimmtHaltNicht – Es klang zu skurril, um wahr zu sein: Menschen mit majestätischen Nachnamen wie Kaiser, König und Fürst sind angeblich überdurchschnittlich erfolgreich im Beruf. Karrieretechnisch hängen sie ihre Kollegen Bauer, Becker und Koch oft ab. Das zumindest stand in einer Untersuchung, die Raphael Silberzahn und Eric Luis Uhlmann im vergangenen Herbst im Fachblatt Psychological Science veröffentlichten.

Über die Studie berichteten damals zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung und, mit leisem Zweifel, der Scienceblogger Jürgen Schönstein. Silberzahn und Uhlmann hatten auch eine Hypothese, warum es sich lohnt, pseudo-adelig zu sein: Vom edlen Klang werde auf einen ebenso edlen Charakter geschlossen.

Die Wissenschaftler werteten die Daten von mehr als 220.000 Mitgliedern des Karrierenetzwerks Xing aus. Und siehe da: Tatsächlich fanden sich unter den Menschen namens Kaiser, König oder Fürst vergleichsweise viele Führungskräfte – was für einen Zusammenhang zwischen dem Nachnamen und beruflichem Erfolg spricht.

Jetzt allerdings rudern Silberzahn und Uhlmann zurück. Mit Unterstützung von Uri Simonsohn haben sie ihre Daten noch einmal ausgewertet. Ihre neue Schlussfolgerung: Es stimmte halt nicht. Ein nobler Name ist wohl doch kein Karriereturbo.

Die neue Auswertung

Ursprünglich hatten Silberzahn und Uhlmann eine Auswahl von edlen Namen mit 100 in Deutschland besonders weit verbreiteten Namen verglichen. Im Nachhinein stellte sich dieses Vorgehen als problematisch heraus. Unter anderem bemerkten die Wissenschaftler bei ihrer Neuauswertung, dass in den Xing-Daten der Anteil von Führungspositionen unter den Trägern seltener Namen generell übertrieben war.

Nachdem sie dieses Problem erkannt hatten, kamen die Forscher auf eine gute Idee: Sie verglichen nun Namen, die in Deutschland ähnlich häufig sind. Einen Herrn Baron trifft man beispielsweise ähnlich oft wie einen Herrn Färber oder einen Herrn Gerner.

Die neue Analyse zeigte: Unter den Kaisern in den Daten hatten 12,2 Prozent eine leitende Position inne. Bei Personen mit ähnlich häufigen Kontrollnamen waren es 13 Prozent. Der berufliche Erfolg war also nahezu gleich. Dieses Muster wiederholte sich auch bei anderen Namen. Insgesamt fanden die Forscher keine Vorteile für die Träger edler Namen.

Ob jemand Herr Kaiser oder Herr Bauer heißt, beeinflusst deshalb wohl nicht seine Karriere.

Quellen:
Raphael Silberzahn, Eric Luis Uhlmann (2013). It Pays to Be Herr Kaiser. Psychological Science, 24/12, 2437-2444. DOI: 10.1177/0956797613494851 (Link)
Raphael Silberzahn, Uri Simonsohn, Eric Luis Uhlmann (2014). Matched-Names Analysis Reveals No Evidence of Name-Meaning Effects. Psychological Science, online. DOI: 10.1177/0956797614533802 (Link)

„Hirnaktivität entlarvt Pädophilie bei Männern“

StimmtHaltNicht – Kieler Psychologen haben festgestellt: Männer mit pädophilen Neigungen reagieren anders auf Fotos von Kindergesichtern als andere Erwachsene. Diese Reaktion geht mit einem typischen Hirnstoffwechsel einher.

Über die Studie des Wissenschaftlers Jorge Ponseti von der Kieler Christian-Albrechts-Universität wird weltweit berichtet. Das können wir gut nachvollziehen. Schließlich widmet sich die Studie einem Thema, dass mit vielen Ängsten und Sorgen verbunden ist – und deshalb die Leser interessieren dürfte.

Was wir dagegen nicht verstehen: Warum haben so viele Online-Redakteure völlig überzogene Überschriften gewählt?

Das ist ziemlich weit hergeholt. Warum? Die Forscher haben gezielt Pädophile ins Labor gebeten. Alle Probanden der Experimentalgruppe befanden sich in ambulanter sexualmedizinischer Behandlung. Einige von ihnen waren bereits mit entsprechenden Delikten aufgefallen. Soweit wir das dem Beitrag von Ponseti entnehmen, wussten die Wissenschaftler genau, wen sie vor sich hatten – und den Pädophilen war klar, dass sie an einem Experiment teilnahmen.

Da wurde also nichts „entlarvt“ oder „erkannt“, was nicht ohnehin bekannt war. Ob es also irgendwann möglich sein wird, Menschen mit pädophilen Neigungen per Hirnscann zu erkennen, ist völlig unklar. (Ob es, abseits des technisch machbaren, wünschenswert wäre, ist eine ganz andere Frage, die wir hier nicht diskutieren möchten.) Dass es sich um sehr vorläufige Ergebnisse handelt, verschweigen die meisten Texte, die wir gelesen haben, auch nicht.

Nur die Überschriften führen eben das eine oder andere mal in die Irre.

Ein schwarz-weiß Bild von Hirnscans Hirnscans sehen oft spektakulär aus. Die Aussagekraft mancher Scans ist dagegen weniger beeindruckend. Beispielbild: Rike / pixelio.de

Quellen:
Jorge Ponseti et al. (2014). Human face processing is tuned to sexual age preferences. Biology Letters, Doi: 10.1098/rsbl.2014.0200 (Volltext) (Data Supplement)
www.welt.de (21. Mai 2014). Hirnaktivität entlarvt Pädophilie bei Männern (Link)
www.ksta.de (21. Mai 2014). Forscher erkennen Pädophilie an Hirnaktivität (Link)
www.spiegel.de (21. Mai 2014). Hirnaktivität verrät Neigung zur Pädophilie (Link)

Geschwister: So löst man den Dauerstreit

StimmtHaltNicht – Welche Folgen hat es für die psychische Gesundheit, wenn sich Geschwister immerzu streiten? Für Eltern, Brüder und Schwestern ist diese Frage sicher relevant. Leider liefert ein aktueller Beitrag auf der Gesundheitsseite von Spiegel Online kaum Antworten.

Dabei liest sich der Text des Coaches Ekkehard Rüdiger Neumann unterhaltsam und verständlich. Der Autor schildert darin eine Fallgeschichte aus seiner Praxis. Frederike und Markus haben in ihrer Kindheit stark untereinander gelitten. Bei Frederike hat der Zank mit Markus eine vorhandene Essstörung verstärkt und zu „depressiven Phasen“ geführt.
Heute, mit Anfang 50, hat sie eine Behandlung bei Neumann hinter sich. Offenbar geht es ihr besser. Eine Erfolgsgeschichte, so scheint es.

Wie kommt es dann, das uns der Beitrag nicht gefällt? Er lässt einfach zu viele Fragen unbeantwortet. Nur einige Beispiele: Wer hat die depressiven Phasen bei Frederike diagnostiziert – ein Psychiater, ein Psychologe, oder der schreibende Coach? Hat die Protagonistin wegen ihrer psychischen Probleme ausschließlich ein Coaching erhalten, oder zusätzlich eine Psychotherapie?

Ähnlich im Vagen bleibt Frederikes Coaching selbst. Neumann schreibt:
„Mit Hilfe ausführlicher Analysegespräche und zusätzlichen Massagen zur Entspannung schaffte es Frederike langsam, ihre mentalen Blockaden zu lösen. Sie begann zu erkennen, dass ihre Glaubenssätze im Verhältnis zu ihrem Bruder mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmten.“

Wie genau Frederikes Coaching abgelaufen ist, erfährt der Leser nicht. Offenbar beruht es auf der vom Autor selbst entwickelten Neumann Methode®. Wie genau funktioniert diese Methode? Ist ihre Wirksamkeit belegt? Wie unterscheidet sie sich von anderen Ansätzen? Für wen ist sie geeignet? Was kostet sie?

So viele Fragen. Der Beitrag beantwortet davon: keine.

Quelle:
Spiegel Online (15. April 2014). Konfliktbewältigung: Wenn Geschwister immerzu streiten (Link)

Per Hypnose zum Nichtraucher

StimmtHaltNicht – Viele Raucher wollen aufhören, schaffen es aber nicht. Würde es ihnen helfen, sich Unterstützung durch eine Hypnose-Therapie zu suchen? Ja, suggeriert ein Beitrag in der Lüneburger Landeszeitung vom 2. Januar 2014. In dem Artikel kommen drei Hypnotiseurinnen zu Wort, ihre Arbeit wird ausführlich vorgestellt. Eine der befragten Frauen nennt auch eine Erfolgsquote. Zwar will sie sich nicht genau festlegen, wie hoch die Chancen sind, nach einer Behandlung tatsächlich sein Laster aufzugeben. Doch sie sagt: „[…] Man schätzt, dass es etwa 85 Prozent sind.“

85 Prozent? Das klingt erst mal ziemlich gut. Doch der Leser erfährt weder, wo diese Zahl herkommt. Noch wird deutlich, worauf sie sich wirklich bezieht: Wie lange gelingt es den Rauchern tatsächlich, clean zu bleiben? Theoretisch könnte es sein, dass 85 Prozent der Nikotinsüchtigen für wenige Tage von ihren Zigaretten lassen und dann wieder anfangen. Und zuletzt wäre ein Vergleich sinnvoll: Wie wirksam ist die Hypnose im Vergleich zu einer Psychotherapie oder zur Entwöhnung mithilfe von Medikamenten?

Dabei gibt es durchaus Antworten auf diese Fragen. Eine Auswertung von Wissenschaftlern im Auftrag der Cochrane Collaboration kommt zu dem Schluss, dass die Hypnosetherapie nicht wirkungsvoller als andere Ansätze ist, etwa Psychotherapie oder Beratung. Von Interesse war, wie erfolgreich die Aufhörwilligen sechs Monate nach dem Rauchstopp waren.

Bild: © 2005 by Tomasz Sienicki / Wikipedia
Bild: © 2005 by Tomasz Sienicki / Wikipedia

Noch kritischer sind die Fachleute der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Sie schreiben: „Die Wirksamkeit von Hypnose im Rahmen einer Tabakentwöhnung konnte bisher nicht wissenschaftlich belegt werden.“

Dass es ernsthafte Zweifel daran gibt, mithilfe von Hypnose zum Nichtraucher zu werden, erfahren die Leser der Lüneburger Landeszeitung nicht. Dabei kann man dem Autor des Beitrags keinen fehlenden Fleiß vorwerfen: Immerhin hat er mit drei Hypnotiseurinnen gesprochen. Besser wäre es gewesen, auf ein Statement der Praktikerinnen zu verzichten und stattdessen noch einen unabhängigen Experten zu befragen.

(Übrigens: Journalisten, die zu medizinischen Themen Unterstützung bei der Recherche benötigen, können sich kostenlos an das Angebot Medien-Doktor Pro wenden.)

Quellen:
Lüneburger Landeszeitung, 2. Januar 2014: Gute Vorsätze in Trance verwirklichen (Volltext)
Jo Barnes et al. (2010). Hypnotherapy for smoking cessation. Cochrane Database Syst Rev. DOI: 10.1002/14651858.CD001008.pub2 (Abstract)
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: www.rauchfrei-info.de, Beitrag „Hypnose
Gesundheitsinformation.de: Rauchentwöhnung (Link)

Zombie-Mythos Mozart-Effekt

StimmtHaltNicht – Sehr wahrscheinlich gibt es den Mozart-Effekt nicht. Klassische Musik hat wohl keine direkte Auswirkung auf die Intelligenz.

Wir dachten: Das ist bekannt. Zwar hatte 1993 die Neurologin Frances Rauscher berichtet, dass die Musik des österreichischen Komponisten die geistige Leistung fördere. Doch in den folgenden 20 Jahren haben andere Wissenschaftler diesen Mythos eigentlich pulverisiert.

Doch im Dezember 2013 berichtet Spiegel Online: „[…] [Seit 1993] werden die klassischen Klänge als geradezu magisches Mittel zur Steigerung des IQ gefeiert. Eine neue Analyse zeigt nun: alles Unsinn.“

Neu ist daran wirklich wenig. Wissenschaftler um Kenneth Steele wiederholten noch im vergangenen Jahrtausend die Versuche von Rauscher. Ohne Erfolg: Obwohl sie ihren Probanden dieselben Mozartsonaten vorspielten und ihnen dieselben Aufgaben stellten, schnitten sie bei Intelligenztests nicht besser ab als andere Versuchspersonen.

Und 2010 veröffentlichten österreichische Psychologen um Jakob Pietschnig eine umfangreiche Metaanalyse, für die die Forscher knapp 40 einzelne Studien mit mehr als 3000 Teilnehmern ausgewertet hatten. Auch sie fanden nur äußerst geringe Auswirkungen klassischer Musik – die größten übrigens in den Studien, an denen Frances Rauscher selbst beteiligt war.

Bei Spiegel Online erfährt der Leser wenig von der langen, kritisch beäugten Geschichte des Mozart-Effekts. Mehr noch: Die Studie, die jetzt den Mythos zerstören soll, tut gerade das nicht. Denn Frances Rauscher spielte Studenten klassische Musik vor und ließ sie dann Intelligenztests zum räumlichen Denken lösen. Für die neue, auf Spiegel Online zitierte Arbeit beobachteten Forscher um Samuel Mehr dagegen vierjährige Kinder. Diese hörten keine Mozartsonaten, sondern wurden von ihren Eltern für sechs Wochen zur musikalischen Früherziehung geschickt. Und am Ende stand auch kein Intelligenztest, sondern es ging um andere Aufgaben, unter anderem zur räumlichen Orientierung.

Zusammengefasst: Spiegel Online beerdigt den Mozart-Effekt, obwohl der schon mehr als tot ist. Und gerade die vorgestellte Studie widerlegt ihn nicht. Warum er überhaupt herangezogen wurde, ist uns nicht klar. Schließlich wäre die Studie von Samuel Mehr auch sonst interessant gewesen.

Quellen:
Spiegel Online (2013). Mythos entzaubert: Musik von Mozart macht doch nicht klüger (Link)
Kenneth M. Steele et al. (1999). Prelude or requiem for the ‘Mozart effect’? Nature 400, 827. DOI: 10.1038/23611 (Volltext)
Jakob Pietschnig et al. (2010). Mozart effect–Shmozart effect: A meta-analysis. Intelligence, 38/3, 314-323. DOI: 10.1016/j.intell.2010.03.001 (Abstract)
Samuel A. Mehr (2013). Two Randomized Trials Provide No Consistent Evidence for Nonmusical Cognitive Benefits of Brief Preschool Music Enrichment. Plos One. DOI: 10.1371/journal.pone.0082007 (Volltext)

„Wer kein Geld hat, denkt langsamer“

StimmtHaltNicht – Lässt sich in drei Sätzen erklären, wie Armut und Intelligenz zusammenhängen? Schon wer als arm gilt und was man unter Intelligenz überhaupt zu verstehen hat, ist nicht immer ganz einfach zu erklären. Die Bild-Zeitung hat es am Samstag trotzdem versucht. Auf Seite 1 wird dort eine Studie aus dem Fachblatt Science so zusammengefasst: „Wer Geldsorgen hat, ist nicht nur ärmer, sondern auch dümmer […].“ Im zweiten Satz heißt es, wer arm sei, schneide in Intelligenztests um 13 Punkte schlechter ab als andere Menschen. Warum? Möglicherweise blockieren Geldsorgen das Denken.

Ist das wirklich so einfach? Wäre famos, wenn es so wäre. Tatsächlich beziehen sich die Bild-Journalisten auf eine interessante Studie der Wirtschaftswissenschaftlerin Anandi Mani von der University of Warwick. Aber Mani hat eben nicht herausgefunden, dass arme Menschen dümmer sind als andere. In einer Serie von Versuchen bat Mani Probanden mit unterschiedlichen Einkommen, an Intelligenztests teilzunehmen. Zuvor sollten die Versuchspersonen verschiedene Szenarien durchdenken. Dabei sollten sie sich zum Beispiel vorstellen, ihr Auto sei kaputt. Die Reparatur koste 1500 Dollar (teure Bedingung) oder 150 Dollar (neutrale Bedingung).

Foto: StimmtHaltNicht
Warum Heino der Affe laust? Wissen wir leider auch nicht. Foto: StimmtHaltNicht

War die Autoreparatur eher billig, hatte das keinen Einfluss auf die Ergebnisse. Alle Teilnehmer schnitten ähnlich gut ab. Anders sah es nur aus, wenn der Hinweis auf eine teure Reparatur die ärmeren Versuchspersonen an ihren Kontostand erinnerte. Das beschäftigte sie so stark, dass sie im Durchschnitt schlechter abschnitten. So kommt die Bild-Zeitung auf einen Verlust von 13 IQ-Punkten. Um das einordnen zu können, wäre ein Vergleich hilfreich gewesen, der sich in der offiziellen Pressemitteilung findet. Dort heißt es, die Denkfähigkeit sei etwa so stark beeinträchtigt wie nach einer schlaflosen Nacht.

Das ist nicht unplausibel. Wir alle haben nur begrenzte geistige Ressourcen. Wer plötzlich daran denken muss, dass ihm Geld auf dem Konto fehlt, ist wahrscheinlich wirklich nicht in der Lage, sich voll auf einen Intelligenztest zu konzentrieren. Die Forscher vergleichen das mit Fluglotsen, die gerade dabei sind, eine Kollision von zwei Flugzeugen zu verhindern – sie haben dann auch weniger Ressourcen für die anderen Flugzeuge auf dem Radar. Sind Fluglotsen in seiner solchen Situation plötzlich „dümmer“ als sonst?

Es braucht vielleicht etwas Platz, um das zu erklären (wie ihn sich etwa die Kollegen im Deutschlandfunk genommen haben). Die Bild-Mitarbeiter hätten ihn sich nehmen sollen. Das ist auch eine Frage des Respekts und der Verantwortung. Denn sonst bleibt schnell hängen: Arm gleich dumm gleich selber schuld.

Quellen:
Bild-Zeitung vom 31. August 2013, Seite 1 (die Online-Version ist nicht ganz so knapp)
Anandi Mani, Sendhil Mullainathan, Eldar Shafir, Jiaying Zhao (2013). Poverty Impedes Cognitive Function. Science, 341, 976-980 (Abstract)
Pressemitteilung der Princeton University vom 29. August 2013: Poor concentration: Poverty reduces brainpower needed for navigating other areas of life (Link)

Softdrinks wie Cola machen unglücklich

StimmtHaltNicht. Die Yahoo Science News Show will uns einreden, dass Softdrinks traurig machen. Die Studie, auf die sich die Yahoo-Journalisten berufen, belegt das aber nicht.
Die Yahoo-Meldung dauert eine halbe Minute. In dieser Zeit haben wir keinen Satz gehört, der sich durch die Quelle belegen lässt.

Der Einfachheit halber hier noch einmal die wichtigsten Aussagen von Yahoo:

  • „Cola macht unglücklich. Zuckerhaltige Softdrinks wie Cola machen unglücklich. Das zeigt eine Langzeitstudie des amerikanischen Institute of Environmental Health Sciences.“
  • „Bereits vier Softdrinkdosen am Tag können das Risiko, an einer Depression zu erkranken, um bis zu 30 Prozent erhöhen.“
  • „Dabei ist es egal, ob es sich um Light- oder um normale Produkte handelt. Die Wissenschaftler vermuten, dass sich künstliche Süßstoffe wie Aspartam negativ auf unsere Gemütslage auswirken und uns unglücklich machen.“

Ausgangspunkt des Videos und somit Grundlage der Aussagen ist anscheinend diese Pressemitteilung der American Academy of Neurology vom 8. Januar 2013: „Hold the Diet Soda? Sweetened Drinks Linked to Depression, Coffee Tied to Lower Risk„.

Wie wir der Pressemitteilung entnehmen, haben die amerikanischen Wissenschaftler um Honglei Chen jedoch nicht herausgefunden, dass Cola unglücklich macht. Das lässt sich mit dem Verfahren, das Chen und Kollegen angewendet haben, auch gar nicht ermitteln. Aussagen zu Ursache (Cola?) und Wirkung (Depression?) sind spekulativ.

Was haben die Forscher stattdessen herausgefunden? Sie haben von 1995 bis 1996 die Trinkgewohnheiten von Versuchspersonen ermittelt. Etwa zehn Jahre später fragten die Wissenschaftler die Zahl der Depressionsdiagnosen ab. Dann verglichen sie ihre Datensätze miteinander. Chen und Kollegen erkannten: Wer viele Softdrinks trinkt, erhält öfter eine Depressionsdiagnose. Das ist aber kein Beleg dafür, dass Cola zu Depressionen führt. Möglicherweise schmeckt traurigen, niedergeschlagenen Menschen süße Brause einfach besser als anderen.

Um die Frage nach Ursache und Wirkung zu beantworten, müsste man mehr über die Versuchspersonen wissen. Denn: Haben die Colatrinker zum Beispiel schon früher vermehrt depressive Episoden durchlebt, würde das das Ergebnis verzerren. Denn wer einmal eine Depression hatte, hat eine höhere Chance, wieder zu erkranken. Leider ist die Originalstudie jedoch noch nicht veröffentlicht, sodass wir schlicht nicht wissen, was Chen und Kollegen erhoben haben.

Wie kommt man zu stichhaltigen Ergebnissen? Ideal wäre eine Untersuchung von zwei möglichst gleichen Gruppen. In der einen Gruppe müssten die Probanden über eine lange Zeit Cola trinken, in der anderen nicht. Anschließend würde man das Auftreten von Depressionen in beiden Gruppen vergleichen.

Der restlichen Ungenauigkeiten des Yahoo-Berichts sind dann schon fast Kleinigkeiten.

  • „Bereits“ vier Dosen? Das „bereits“ klingt, als wäre das wenig. Für uns ist das etwa ein Liter Cola, den wir sicherlich nicht Tag für Tag in uns hineinkippen.
  • Aspartam als Auslöser? Die Wissenschaftler haben zwar gezeigt, dass Menschen, die gerne Diät-Limo trinken, ein erhöhtes Depressionsrisiko hatten. Allerdings halten sich die Experten mit Vermutungen, woran das liegen könnte, zurück. Studienautor Chen schreibt an ein Fachmagazin, dass man bisher nicht wisse, was auf biologischer Ebene abläuft.

Disclaimer: Da wir die Studie noch nicht im Internet gefunden haben, wissen auch wir nur, was in der Pressemitteilung steht.

Grafik: Softdrinks, Bild: Eva Künzel
Softdrinks: Ursache für Traurigkeit? Bild: Eva Künzel

Quellen:
Yahoo Science News Show vom 11. Januar 2013
Pressemitteilung der American Academy of Neurology vom 8. Januar 2013: „Hold the Diet Soda? Sweetened Drinks Linked to Depression, Coffee Tied to Lower Risk„.
Megan Brooks: Sweetened Drinks May Boost Depression, Coffee Reduce It, www.medscape.com (Artikel nicht immer zugänglich, wir konnten ihn aber abrufen)

Die Hirnforschung tut so, als habe sie auf alles eine Antwort

StimmtHaltNicht. Die Hirnforschung – wer auch immer damit gemeint ist – ist sich ihrer Grenzen ganz gut bewusst. Zumindest, so weit wir das beurteilen können.

Aber der Reihe nach: In dieser Woche haben sich die Journalisten des SZ-Magazins entschieden, ihre Titelgeschichte der Hirnforschung zu widmen. Angekündigt wird sie mit der Überschrift: „Hohle Nuss„. Damit ist schon mal klar, in welche Richtung es geht. In der Unterzeile heißt es, „die Hirnforschung“ tue so, als „habe sie auf alles eine Antwort“. Damit wird der gesamte Forschungszweig so weit überhöht, dass er tief fallen muss.

Wir finden, dass Andreas Bernard, der Autor, nicht immer sauber argumentiert. Der Text ist ziemlich lang. Deshalb beschränken wir uns auf drei Beispiele, an denen das deutlich wird.

1. Nicht ganz neu ist der Vorwurf, „die“ Hirnforschung erhalte mehr öffentliche Aufmerksamkeit, als ihr aufgrund ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse zustehe. Auch im SZ-Magazin wird dieses Argument aufgegriffen. Als Beleg dienen die aktuellen Bestellerlisten:

Nicht umsonst versuchen drei der fünf meistverkauften Sachbücher im August 2012 den Geheimnissen des Denkens auf die Spur zu kommen.

Grafik: Hirnforschung, Bild: Eva Künzel
Die Hirnforschung: Weiß sie auf alles eine Antwort?

Geschenkt, dass Bücher über das Denken nicht zwangsläufig aus einer neurowissenschaftlichen Perspektive geschrieben sein müssen. Nicht ganz fair ist allerdings, dass Bernard nur die Zahlen verwendet, die in seine Argumentation passen, nämlich die Verkäufe von Hardcover-Sachbüchern. Bei den Taschenbuch-Sachbüchern werden die ersten drei Plätze von Veröffentlichungen belegt, die sich mit dem Thema Schule beschäftigen; „Lehrerkind“, „Chill mal, Frau Freitag“ und „Voll streng, Frau Freitag“ (Stand 2. September 2012). Schaut man sich an, welche Hardcover-Sachbücher im Jahr 2011 am besten liefen, bleiben die Namen Steve Jobs, Helmut Schmidt und Richard David Precht hängen. Wir wären vorsichtig, aus solchen Zahlen allgemeine Trends abzuleiten.

2. Weiter im Text. Noch auf der ersten Seite wird „den“ Hirnforschern ein recht vereinfachendes Menschenbild unterstellt:

Nur die messbare Hirnaktivität macht [für Hirnforscher] das Wesen des Menschen aus.

Das würde bedeuten, dass Neurowissenschaftlern alle Aspekte des Mensch-Seins egal wären, die man nicht mit fMRT- oder PET-Bildern abbilden kann. Es wäre so ähnlich, als würde man sagen: Wir messen, wie schnell ein Auto fahren kann, dann wissen wir alles über das Wesen dieses Autos.
Die Frage ist nur: Stimmt der Vorwurf? Wir haben geschaut, was Wissenschaftler (1) zu den derzeitigen Grenzen ihres Fachgebiets sagen, insbesondere zur Aussagekraft von Hirnscans:

Denn dass sich […] [etwas] im Gehirn an einer bestimmten Stelle abspielt, stellt noch keine Erklärung im eigentlichen Sinne dar. Und wie das funktioniert, darüber sagen diese Methoden nichts, schließlich messen sie nur sehr indirekt, wo in Haufen von hundert Tausenden von Neuronen etwas mehr Energiebedarf besteht. Das ist in etwa so, als versuche man die Funktionsweise eines Computers zu ergründen, indem man seinen Stromverbrauch misst, während er verschiedene Aufgaben abarbeitet.

Das klingt nicht unbedingt nach einem Allmachtsanspruch, bei dem nichts außer Hirnaktivität als Beleg für eine These gelten darf. Tatsächlich ist es so: Seriöse Forscher wissen, dass Hirnscans ein Puzzleteil sind, das helfen kann, Menschen zu verstehen. So, wie es auch helfen kann zu wissen, wie schnell ein Auto fahren kann.

3. Einen langen Abschnitt geht es um die Frage, ob Neuroimaging in Gerichtsverfahren helfen kann. Forscher wollen, so wird es dargestellt, eine Art unfehlbaren Lügendetektor konstruieren. Bilder des Gehirns sollen zeigen, ob jemand die Wahrheit sagt. Das Thema ist komplex, wir wollen es inhaltlich nicht weiter kommentieren. Aber: Ist es tatsächlich „eine der größten Ambitionen vieler Forscher“?
Der Kronzeuge, der im SZ-Magazin herangezogen wird, heißt John-Dylan Haynes. Er arbeitet tatsächlich an dem Thema. Nur: Ganz so euphorisch scheint er gar nicht zu sein. Er sagt in einem 3Sat-Beitrag:

Es wäre natürlich toll, wenn wir am Flughafen erkennen könnten, ob jemand vorhat, das Flugzeug in die Luft zu jagen, also wenn es einen ganz schnellen Screening-Test dafür gäbe. Aber ich glaube nicht, dass wir das in den nächsten Jahren so schnell sehen werden können, und zwar weil nämlich die möglichen bösen, finsteren Absichten, die eine Person haben kann, natürlich ganz vielfältig sind.

Auf diese Selbsteinschätzung hätte man natürlich hinweisen können. Und ob die Arbeit eines Wissenschaftlers gleichzusetzen ist mit „der größten Ambition vieler Forscher“?

Wir sind übrigens nicht der Ansicht, dass man Hirnforscher im Allgemeinen und Neuroimaging-Verfechter im Besonderen nicht kritisieren darf. Wir würden uns bloß mehr Fairness in der Argumentation wünschen.

Quellen:
(1) Christian Egler, Angela Friederici, Christof Koch, Heiko Luhmann, Christoph von der Malsburg, Randolf Menzel, Hannah Monyer, Frank Rösler, Gerhard Roth, Henning Scheich, Wolf Singer (2006). Das Manifest. Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung. In: Carsten Könneker: Wer erklärt den Menschen, S. 77-84.
(2) Rainer Mausfeld, Onur Güntürkün (2006). Wissenschaft im Zwiespalt. In: Carsten Könneker: Wer erklärt den Menschen, S. 129-137.