Grenzwerte überschritten: Deos und Antitranspirantien enthalten zu viel Aluminium

RTL Explosiv hat am Wochenende mit einem Beitrag zu der Gefahr von Aluminium bzw. von Aluminiumsalzen in Deodorantes erneut zugeschlagen. Hintergrund ist diesmal wohl, dass das Verbraucherministerium – natürlich angeregt durch die RTL Recherche – prüft, wie gefährlich Aluminium in Kosmetika ist. Das ist in der Tat eine gute Nachricht. Auch wir sind gespannt, ob es hier neue Erkenntnisse geben wird, die über die Risikoeinschätzung des BfR hinausgehen. Eine weniger gute Nachricht ist, dass der Beitrag wieder – abermals über die Brustkrebspatientin Eva Glave – einen kausalen Zusammenhang zwischen Antitranspirantien mit Aluminiumsalzen und Brustkrebs herstellt. Aber darüber haben wir ja vergangene Woche bereits gebloggt und machen dieses Fass daher nicht noch einmal auf.

Neu sind beim aktuellen Beitrag vom 4. Mai allerdings die Einheiten der Aluminiummengen, die beim Benutzen der untersuchten Deos vom Körper aufgenommen werden. Während im ersten Beitrag vom 30. April die Mengen in der Grafik in Milligramm (mg) angegeben waren, sprach der Sprecher von Mikrogramm (µg). Im aktuellen Bericht vom 4. Mai sind auch die Angaben in der Grafik in Mikrogramm angegeben. (1)

Mengenangaben in Milligramm (mg) in der Sendung vom 30. April.
Mengenangaben in Milligramm (mg) in der Sendung vom 30. April. Screenshot: StimmtHaltNicht
Mengenangaben in Mikrogramm (µg) in der Sendung vom 30. April. Screenshot: StimmtHaltNicht
Mengenangaben in Mikrogramm (µg) in der Sendung vom 04. Mai. Screenshot: StimmtHaltNicht

Hat RTL diesen Fehler behoben, hätte man meinen können, dass der Sender das Missgeschick erklärt und nun genauere Angaben zu seiner Berechnung macht. Aber weit gefehlt: Der Zuschauer erfährt nun gar nichts mehr über die Berechnung des Aluminiumanteils. Doch gerade das wäre doch wichtig, denn nach dem BfR ist bisher ja nur wenig über die Aufnahme von Aluminium aus kosmetischen Mitteln über die Haut bekannt.

Wie viel Aluminium aus Deos geht durch die Haut?

Schaut man in den ersten Beitrag werden dort „wissenschaftliche Anhaltspunkte“ als Ausgangspunkt für die RTL-Berechnungen genannt. Diese besagten angeblich, dass „0,33 Prozent des aufgesprühten Aluminiums von der Haut aufgenommen werden“. Was die Quelle für diese „Anhaltspunkte“ ist, erfährt der Zuschauer nicht. Doch woher hat RTL die Angaben von 0,33 Prozent, wenn die zugrundeliegende Datenlage so schlecht ist?

Die Stellungnahme des BfR gibt hier womöglich Antworten. Doch zunächst liest man hier von erschreckend wenig Evidenz: „Die einzige In-vivo-Studie zur Hautpenetration von Aluminium aus Aluminiumchlorohydrat-haltigen Antitranspirantien wurde an lediglich 2 Probanden, einem Mann und einer Frau, durchgeführt.“, schreibt das BfR und gibt weiter zu bedenken, dass die Daten große Unterschiede zwischen den beiden Versuchspersonen zeigten. Sieht man von dieser WINZIGKEIT ab, gab es tatsächlich Ergebnis: Anhand der ausgeschiedenen Menge Aluminiums im Urin errechneten die Studienautoren eine Penetrationsrate von ca. 0,014 Prozent. Dass RTL einen anderen Wert nennt, hängt vermutlich damit zusammen, dass der Sender von aufgesprühten Deos spricht. Denn: „Bei der Verwendung eines aluminiumhaltigen Antitranspirants in Sprayform muss eine mögliche inhalative Aufnahme zusätzlich zur dermalen Aufnahme berücksichtigt werden. In Studien konnte gezeigt werden, dass die inhalative Aufnahme von Aluminium höher ist als die Aufnahme über das Trinkwasser, bei der eine orale Bioverfügbarkeit von 0,3 % angenommen wird.“, schreibt das BfR.

Es handelt sich bei dem RTL-Wert also vermutlich nicht alleine um die Aufnahme durch die Haut, sondern um die kombinierte Aufnahme durch Haut und Einatmen. (2) Bei der Verwendung eines Antitranspirants ausschließlich auf der Haut, zum Beispiel durch einen Deoroller, würde dagegen alleine die Penetrationsrate von ca. 0,014 Prozent greifen und die Ergebnisse wären längst nicht so spektakulär. Mehr noch: Die Mengenangaben würden eventuell unter den Grenzwert für einen 60 kg schweren Erwachsenen von 60,2 Mikrogramm (µg)/Woche fallen und die Verbraucher wären weniger besorgt.

BfR: Deos mit Aluminium sind auf Dauer nicht „tolerierbar“

Das BfR hatte übrigens in seiner Stellungnahme mit dem oben genannten Wert von 0,014 Prozent eine beispielhafte Rechnung über eine geschätzte Aluminiumaufnahme aus Antitranspirantien aufgestellt. Die Risikoexperten legten ihren Berechnungen die Annahmen zugrunde, dass als aktiver Wirkstoff in Antitranspirantien hauptsächlich Aluminiumchlorohydrat in einer Konzentration von ca. 20 Prozent zum Einsatz kommt und dies einem Aluminium-Anteil von etwa 5 Prozent entspricht. (3) Ebenso rechneten sie mit einer täglich zweimaligen Applikation auf einer Fläche von 200 cm².

Das Ergebnis: Die Aluminiumaufnahme liegt mit rund 73,5 µg tatsächlich über den 60,2 µg pro Woche, die für einen 60 kg schweren Erwachsenen als unbedenklich angesehen werden. Die Werte für geschädigte Haut, beispielsweise Verletzungen durch eine Rasur, lagen um ein Vielfaches darüber. Doch stop! Nicht jeder, der sich jetzt nicht mehr „so fit“, weniger „leistungsfähig“ oder „leicht erschöpft“ fühlt, hat gleich eine Aluminiumbelastung, wie es der RTL-Beitrag suggeriert. Bis eine Beeinträchtigung entsteht, dauert es eine Weile: „Die regelmäßige Benutzung eines aluminiumhaltigen Antitranspirants über Jahrzehnte hinweg führt möglicherweise zu einer Erhöhung der Aluminiumbelastung des Körpers, die zu einem späteren Zeitpunkt zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen beitragen können.“, so die Risikoexperten. Um genauere Angaben über Zeiträume und mögliche Beeinträchtigungen zu machen, fehlen Daten oder sind widersprüchlich.

BfR
Dunkelblau hinterlegte Felder kennzeichnen die Eigenschaften des in dieser Stellungnahme bewerteten Risikos
(nähere Angaben dazu im Text der Stellungnahme Nr. 007/2014 des BfR vom 26. Februar 2014)
Quelle: Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)

Wer derweilen auf Nummer sicher gehen will, kann seine Aluminiumaufnahme selbst minimieren. Zum Beispiel indem er Anitranspirantien nicht unmittelbar nach der Rasur bzw. bei geschädigter Achselhaut aufträgt. Auch kann ein Deodorant ohne Aluminiumsalze verwendet werden. Und Aluminium ist keinesfalls nur in Deos: „Neben Antitranspirantien können auch dekorative Kosmetika, wie Lippenstift und Lidschatten, sowie Zahnpasten oder Sonnencremes Aluminium enthalten.“, so das BfR.

Quellen:

RTL, 04.05.14, Aluminium in Deos krebsauslösend? Verbraucherschutzministerium prüft Kennzeichnung, URL: http://www.rtl.de/cms/ratgeber/aluminium-in-deos-krebsausloesend-verbraucherschutzministerium-prueft-kennzeichnung-3a9d9-6e4e-24-1890836.html

Bundesinstitut für Risikobewertung, 26.02.2014, Aluminiumhaltige Antitranspirantien tragen zur Aufnahme von Aluminium bei, URL: http://www.bfr.bund.de/cm/343/aluminiumhaltige-antitranspirantien-tragen-zur-aufnahme-von-aluminium-bei.pdf

SpiegelOnline, 01.05.2014, Kosmetik mit Aluminium: Regierung prüft Gefährlichkeit von Deos, URL: http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/aluminium-in-kosmetik-bundesregierung-prueft-gefahren-a-967130.html 

 

(1)  Danke noch einmal an Tommy, der in seinem Kommentar zum ersten Blogeintrag auf diesen Fehler aufmerksam gemacht hat.

(2) Ist dies der Fall ist auch hier ein gravierender Fehler im RTL-Beitrag, nach dem die wissenschaftlichen Anhaltspunkte ja besagen, dass „0,33 Prozent des aufgesprühten Aluminiums von der Haut aufgenommen werden“.

(3) Interessant wäre hier gewesen, ob die von RTL untersuchten Deodorantes einen ähnlichen Prozentanteil an Aluminiumchlorohydrat beinhalteten.

Experten: Aluminium in Deos macht Brustkrebs

StimmtHaltNicht – „Ich bin meiner Kollegin (…) dankbar, dass sie sich um dieses Thema gekümmert hat und dass wir Ihnen jetzt diesen Beitrag zeigen können. Deos können dazu beitragen, dass Brustkrebs entsteht. Das sagen Experten jetzt bei uns und schlagen wirklich Alarm. Es geht um einen bestimmten Inhaltsstoff und ich schwöre Ihnen, gleich fliegen bei Ihnen zu Hause ganz viele Deos in den Müll – bei mir war’s genauso.“

Gefährliche Krebsauslöser? Werfen Sie ihre Deos auf den Müll!  Screenshot: StimmtHaltNicht
Gefährliche Krebsauslöser? Werfen Sie ihre Deos in den Müll!
Screenshot: StimmtHaltNicht

So unfassbar unsachlich wie diese Anmoderation war auch der darauffolgenden Beitrag, den RTL am Samstagnachmittag in seinem Magazin „Explosiv“ zeigte. Es geht natürlich um Aluminium bzw. Aluminiumsalze in Antitranspirantien – und wieder einmal kommen die üblichen Wissenschaftler zu Wort und wieder einmal werden Passanten mit dem „fürchterlichen Verdacht“ konfrontiert.

Unglücklich ist auch die Darstellung der Brustkrebspatientin Eva Glave, die selbst einen Zusammenhang zwischen Aluminium und ihrer Erkrankung herstellt (in diesem Sinne kam sie bereits in der Dokumentation „Die Akte Aluminium“ zu Wort). Die Hebamme Glave zeigt sich zudem wütend, dass man nicht über das von Antitranspirantien ausgehende Risiko gewarnt hat: „Auch auf Zigarettenpackungen steht drauf: macht Krebs. Beim Deo bisher nicht“, sagt sie – und nennt auch gleich konkrete Zahlen. „Wenn man sich das vorstellt, dass viele darüber nicht informiert sind und dann irgendwie das benutzen und jede siebte Frau trifft dieser Scheiß ja sowieso, wenn davon vielleicht zwei dieses Problem als Auslöser haben, finde ich das ein ziemliches Unding.“ (1)

So traurig der Fall der Patientin ist – wir meinen, es ist ein Unding, dass die RTL-Journalisten diese Aussagen nicht reflektieren. Dass es Kritik an den erwähnten Untersuchungen gibt und sie in Fachkreisen kontrovers diskutiert werden, wird nicht gesagt. Da hilft auch der viel zu kurze O-Ton zur unzureichenden Datenlage eines Experten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) nicht. (2)

So wie RTL es darstellt, teilen viele Fachleute die Auffassung, das übermäßiger Deogebrauch krank machen kann. Welche Experten das neben Philippa Darbre sein sollen, wissen wir nicht. Unseren Quellen zufolge ist diese Aussage nicht haltbar. Denn es mangelt schlicht an hochwertigen Untersuchungen zu dieser Fragestellung. (3)

Über die Berechnung der Mengenangaben des aufgenommenen Aluminiums erfährt der Zuschauer so gut wie nichts, dabei wäre gerade das wirklich einmal hilfreich gewesen. Über Fehler in der RTL-Berechnung und die tatsächliche Aufnahmemenge von Aluminium haben wir hier noch einmal gebloggt. 

Quellen:
RTL, 27.04.14, Aluminium in Deos: Gefährliche Krebsauslöser?, URL: http://www.rtl.de/cms/ratgeber/aluminium-in-deos-gefaehrliche-krebsausloeser-3a9d9-6e4e-15-1886592.html
Bundesinstitut für Risikobewertung, 26.02.2014, Fragen und Antworten zu Aluminium in Lebensmitteln und verbrauchernahen Produkten, URL: http://www.bfr.bund.de/de/fragen_und_antworten_zu_aluminium_in_lebensmitteln_und_verbrauchernahen_produkten-189498.html#topic_189501
Krebsinformationsdienst, 04.12.2013: Deos und Antitranspirantien: Als Risiko verkannt?, URL: https://www.krebsinformationsdienst.de/vorbeugung/risiken/mythen.php#inhalt13
Medizin-Transparent, Update, 31.3.2014, Brustkrebs durch Deos, URL: http://www.medizin-transparent.at/brustkrebs-durch-deos
Stiftung Warentest, 12.07.2013: Aluminium in Deos: Schweiß­hemmend und umstritten, URL: http://www.test.de/Aluminium-in-Deos-Schweisshemmend-und-umstritten-4570934-0/
SpiegelOnline, 19.03.2014: Wir machen uns mal frei: Ein Leben ohne Alu-Deo, http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/aluminium-in-deos-so-kommt-man-auch-ohne-alu-nicht-ins-schwitzen-a-959293.html

Anmerkungen:

(1) Tatsächlich muss etwa jede achte Frau damit rechnen, an Brustkrebs zu erkranken. Diese Berechnung gilt aber nur für die gesamte Lebensspanne, bezogen auf eine Lebenserwartung von mindestens 80 Jahren, so der Krebsinformationsdienst.

(2) Bitte auch noch den Kommentar von Tommy beachten!

(3) Dass der Verzicht auf aluminiumhaltige Deos sinnvoll sein kann, bestreiten wir übrigens nicht (Stichwort „tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge“). Dazu hat das BfR kürzlich auch eine Stellungnahme herausgegeben. Dass aber ein kausaler Zusammenhang zwischen der Benutzung von Deos bzw. Antitranspirantien mit Aluminium und Brustkrebs hergestellt und nicht auf die herrschenden Unsicherheiten hingewiesen wird, ist tatsächlich so nicht tragbar. Wie SpOn berichtet, prüft das Verbraucherministerium nun, wie gefährlich Aluminium in Kosmetika ist.

Sonnenhut (Echinacea) und Umckaloabo helfen bei Erkältungen

StimmtHaltNicht – Wir haben ja bereits berichtet, welche Mittelchen zu einer Linderung von Erkältungsbeschwerden führen können und welche (kostspieligen) Arzneien sich die Betroffenen besser sparen. In seinem aktuellen Gesundheitsspezial greift das IQWiG das Thema „Erkältungen“ nun noch einmal auf und hat auch den Nutzen häufig verschriebener pflanzlicher Arzneimitteln untersucht.

Auch die Kleinen werden bei Erkältungen oft mit allerlei Mittelchen versorgt – bei vielen ist eine positive Wirkung noch nicht belegt.

Extrakte aus Sonnenhut (Echinacea)

Die Experten von www.gesundheitsinformationen.de kommen etwa zu dem Schluss, dass Präparate mit Extrakten aus Sonnenhut (Echinacea) zwar angeblich die Abwehrkräfte stärken sollen, die bisherigen Studien aber keine eindeutigen Ergebnisse zeigen. „Weder die Studien zur Vorbeugung noch zur Behandlung von Erkältungen mit Echinacea-Präparaten zeigten in der Gesamtschau eindeutige Ergebnisse“, so das IQWiG. Das liege auch daran, dass es deutliche Unterschiede bei der Zusammensetzung der untersuchten Präparate gebe. Eine zuverlässige Beurteilung möglicher Vor- und Nachteile der Sonnenhut-Extrakte sei zurzeit daher nicht möglich.

bagal / pixelio.de

Umckaloabo oder Kaloba

Ähnlich sieht es bei Mitteln aus Extrakten der Pelargonienwurzel – bekannt als „Umckaloabo“ oder „Kaloba“ – aus. Ihre Wirkung speziell gegen Erkältungen ist bislang kaum durch Studien untersucht. Hier gibt es jedoch immerhin schwache Hinweise, dass ein Extrakt aus der Pelargonienwurzel speziell bei Atemwegsinfektionen die Krankheitsdauer verkürzen und die Beschwerden lindern könnte, so das IQWiG. Gleichzeitig könne das Mittel aber auch Nebenwirkungen haben, zum Beispiel Magen-Darm-Beschwerden.

Schmerzmittel bei Erkältungen

Schmerzmitteln wie Ibuprofen, Paracetamol oder Acetylsalicylsäure (ASS, Apsirin) können bei Erkältungen nachgewiesenermaßen einige Symptome wie zum Beispiel Halsschmerzen lindern, auch Nasensprays können helfen. In der Regel ist eine medikamentöse Behandlung jedoch gar nicht nötig. Auch wenn Erkältungen unangenehm sind, bekämpft sie der Körper auch ohne zusätzliche Hilfsmittel erfolgreich. Nach etwa einer Woche sind die Beschwerden wieder verschwunden.

Quelle: Gesundheitsinformationen.de, Thema: Erkältung, URL: http://www.gesundheitsinformation.de/erkaeltung.2642.de.html

Geschwister: So löst man den Dauerstreit

StimmtHaltNicht – Welche Folgen hat es für die psychische Gesundheit, wenn sich Geschwister immerzu streiten? Für Eltern, Brüder und Schwestern ist diese Frage sicher relevant. Leider liefert ein aktueller Beitrag auf der Gesundheitsseite von Spiegel Online kaum Antworten.

Dabei liest sich der Text des Coaches Ekkehard Rüdiger Neumann unterhaltsam und verständlich. Der Autor schildert darin eine Fallgeschichte aus seiner Praxis. Frederike und Markus haben in ihrer Kindheit stark untereinander gelitten. Bei Frederike hat der Zank mit Markus eine vorhandene Essstörung verstärkt und zu „depressiven Phasen“ geführt.
Heute, mit Anfang 50, hat sie eine Behandlung bei Neumann hinter sich. Offenbar geht es ihr besser. Eine Erfolgsgeschichte, so scheint es.

Wie kommt es dann, das uns der Beitrag nicht gefällt? Er lässt einfach zu viele Fragen unbeantwortet. Nur einige Beispiele: Wer hat die depressiven Phasen bei Frederike diagnostiziert – ein Psychiater, ein Psychologe, oder der schreibende Coach? Hat die Protagonistin wegen ihrer psychischen Probleme ausschließlich ein Coaching erhalten, oder zusätzlich eine Psychotherapie?

Ähnlich im Vagen bleibt Frederikes Coaching selbst. Neumann schreibt:
„Mit Hilfe ausführlicher Analysegespräche und zusätzlichen Massagen zur Entspannung schaffte es Frederike langsam, ihre mentalen Blockaden zu lösen. Sie begann zu erkennen, dass ihre Glaubenssätze im Verhältnis zu ihrem Bruder mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmten.“

Wie genau Frederikes Coaching abgelaufen ist, erfährt der Leser nicht. Offenbar beruht es auf der vom Autor selbst entwickelten Neumann Methode®. Wie genau funktioniert diese Methode? Ist ihre Wirksamkeit belegt? Wie unterscheidet sie sich von anderen Ansätzen? Für wen ist sie geeignet? Was kostet sie?

So viele Fragen. Der Beitrag beantwortet davon: keine.

Quelle:
Spiegel Online (15. April 2014). Konfliktbewältigung: Wenn Geschwister immerzu streiten (Link)

Schwangere brauchen Eisenpräparate

StimmtHaltNicht – Nicht alle Frauen, die ein Kind erwarten, müssen Nahrungsergängzungsmittel einnehmen, die Eisen enthalten. Das berichtet gesundheitsinformation.de. Die Fachleute haben für ihren Beitrag aktuelle Forschungsarbeiten ausgewertet.

Allerdings gibt es auch Schwangere, denen Eisenpräparate nützen. Das sind Frauen, die an Blutarmut – fachsprachlich Anämie – leiden.

Allen anderen bringt es wenig, auf Verdacht entsprechende Tabletten oder Tropfen zu schlucken. Es reicht, genügend Eisen über die Nahrung aufzunehmen.

Lebensmittel, die viel Eisen enthalten, sind:

  • Fleisch, insbesondere Leber
  • Getreide, vor allem Vollkornflocken
  • Hülsenfrüchte wie Linsen und Bohnen
  • geringe Mengen an Eisen verbergen sich auch in grünem Blattgemüse, etwa in Feldsalat, Spinat und Kräutern wie Petersilie und Kresse

Und warum brauchen Menschen überhaupt Eisen? Dieses chemische Element ist im Farbstoff der roten Blutkörperchen enthalten, dem sogenannten Hämoglobin. Rote Blutkörperchen transportieren – mithilfe des Hämoglobins – Sauerstoff in Gewebe und Organe des Körpers. Fehlt Eisen, sinkt die Menge des roten Farbstoffs im Blut, was die Versorgung der Zellen beinträchtigen kann.

Wer weitere Fragen zu Schwangerschaft und Geburt hat: Gesundheitsinformation.de hat in einem umfangreichen Special Antworten für werdende Eltern zusammengestellt.

Quelle:
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)/gesundheitsinformation.de (2014). Benötigen alle schwangeren Frauen Eisenpräparate? (Link)

Schöne Menschen, Wasser das schlau macht und mehr

KurzVerlinkt – Sex hilft gegen Kopfschmerzen? Vegetarier sind kranker als Fleischesser? Das stimmt selbstverständlich beides nicht, und wir haben darüber geschrieben.

Es gibt aber natürlich noch viel mehr Dinge, die nicht stimmen, die seltsam und manchmal auch lustig sind. Nicht alle Themen, die wir interessant finden, schaffen es letztlich in diesen Blog. Das ist eigentlich schade. Deshalb posten wir ab jetzt unregelmäßig Links zu Beiträgen, die zwar spannend sind, denen wir aber nicht weiter nachgegangen sind.

  • Sind schöne Menschen bessere Sportler? Das klingt nicht nur weit hergeholt – es stimmt halt auch nicht, schreibt die Wissenschaftsjournalistin Erika Engelhaupt. In ihrem Blogpost „Attractiveness studies are hot, or not“ seziert sie Studien und Medienberichte, die Zusammenhänge zwischen Attraktivität und wünschenswerten Eigenschaften behaupten. (Link)
  • Helfen Vitamin-D-Nahrungsergänzungsmittel gegen Depressionen? Bisherige Studien zu dieser Frage sind methodisch mangelhaft, sagen Medizinier um Jonathan Shaffer. Nachdem die Forscher sich sieben halbwegs aussagekräftige Veröffentlichungen angesehen haben, kommen sie zu dem Schluss: Insgesamt gab es keinen Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Ergänzungsmitteln und der Besserung depressiver Symptome. Allerdings fanden sie in zusätzlichen Auswertungen durchaus Effekte. Antworten können nur bessere Studien geben. (Abstract)
  • Die beliebtesten Extrakte für pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel stammen in Europa übrigens aus: Ginkgo, Gemeiner Nachtkerze, Artischocke und Ginseng. Das berichten Wissenschaftler im Fachmagazin Plos One. Der Beitrag hat eine der längsten Liste von Interessenkonflikten, die wir je gesehen haben, aber das nur am Rande. (Volltext)
  • Auch wir hatten über Manfred Spitzers Thesen zur digitalen Demenz berichtet. Nun haben Medienpsychologen gezeigt, wie wenig Spitzers Behauptungen tatsächlich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmen. (Volltext)
  • Die Intelligenzforscherin Tanja Gabriele Baudson entdeckt in einem amerikanischen Supermarkt Wasser, das schlau machen soll. (Link)

Die Steinzeit-Diät ist gut für Sportler

Nachgehakt – Wie sollten sich Athleten ernähren? Das hat der Kölner Stadtanzeiger Petra Platen vom Institut für Sporternährung und -medizin der Universität Bochum gefragt.

Auf die Frage, ob es in ihrem Fachgebiet neue Entwicklungen gebe, antwortet Platen: „Der Trend könnte in nächster Zeit eher in Richtung Steinzeit-Ernährung gehen. Es ist der Versuch, unsere Ernährungsgewohnheiten wieder stärker an das zu adaptieren, wofür unsere Gene tatsächlich ausgelegt sind. Erste klinische Studien zeigen, dass eine steinzeitlich ausgerichtete Ernährung noch positivere Effekte hat als eine mediterrane.“

Die Antwort hat uns überrascht. Vor Kurzem haben wir selbst über die sogenannte Paläodiät geschrieben. Damals waren wir zu dem Fazit gekommen, dass die Sinnhaftigkeit dieser Ernährungsweise durchaus umstritten ist. Zugeben: Unser Beitrag war eher allgemein gehalten; im Kölner Stadtanzeiger geht es um Sportler. Trotzdem fragen wir uns, wie das zusammenpasst.

Vielleicht haben wir bei unserer Recherche etwas übersehen? Wir haben bei Petra Platen nachgefragt, welche klinischen Studien sie konkret meint. Leider hat sie zurückgemeldet, sie habe derzeit keine Zeit, uns eine Antwort zu geben.

Deshalb haben wir selbst noch einmal in der Studiendatenbank Pubmed nachgesehen. Gefunden haben wir immer noch wenig. Und was wir gefunden haben, ist methodisch nicht unbedingt überzeugend. Mal davon abgesehen, dass wir eben nicht nur Zustimmung zu diesem Diät-Muster gelesen haben.

Bis auf Weiteres heißt es deshalb: The jury is still out.

Quellen:
Kölner Stadtanzeiger (14.3.2014). Ernährung: „Essen wie unsere Vorfahren“ (Link)
Recherche auf Pubmed, www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed, Suchbegriffe: „paleolithic diet health“ (24 Treffer, darunter eine Handvoll Studien, die tatsächlich etwas mit Gesundheit und Ernährung zu tun haben) und „paleolithic diet and exercise“ (5 Treffer, darunter nichts, das etwas mit Sport zu tun hat)

Milch ist ungesund

StimmtHaltNicht – Milch ist nicht ungesund, zumindest nicht prinzipiell. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt Milch nach wie vor als Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung. Trotzdem lesen und hören wir häufig: „Milch ist böse“.

Zumindest in dieser grundsätzlichen Zuspitzung stimmt das nicht.

Natürlich gibt es Leute, die Kuhmilch nicht vertragen. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland können den Milchzucker Laktose nicht verdauen. Ihr Körper kann das Enzym Laktase, welches die Laktose aufspaltet, nicht in ausreichender Menge bilden. Andere Menschen reagieren zudem allergisch auf bestimmte Eiweiße in der Kuhmilch.

Für Betroffene ist Milch tatsächlich ungesund.

Alle anderen können ruhig mal ein Glas Milch trinken. Denn seit der Jungsteinzeit hat sich in Europa eine genetische Ausstattung durchgesetzt, die es den meisten Menschen ermöglicht, das Enzym Laktase zu bilden und Milch zu verdauen. Natürlich muss niemand Milch zu sich nehmen, wenn ihm der Geschmack nicht behagt oder ihm die Kühe leidtun. Es gibt genügend andere Wege, den Körper beispielsweise mit Kalzium zu versorgen.


Chronisch krank durch Milch?
Trotzdem ist das Internet voll von Seiten, die Milch verteufeln. Das Zentrum der Gesundheit* etwa schreibt: „[…] Milchprodukte [belasten] […] den Organismus dauerhaft und leider unmerklich […]. […] [Sie können auf] diese Weise zur Entstehung meist chronischer Erkrankungen beitragen […].“

Das Problem mit Aussagen wie diesen ist, dass sie sich nur schwer beweisen lassen. Denn eine merkliche Belastung, so verstehen wir das, wäre eine, die der Arzt diagnostizieren kann – eine Unverträglichkeit oder eine Allergie also.

Eine unmerkliche Belastung, die man nicht fühlt und die sich nicht durch Tests belegen lässt, die aber irgendwann chronisch krank macht? Für eine einzelne Person lässt sich ein Zusammenhang zwischen einer Krankheit und dem Milchkonsum kaum belegen, erst recht nicht im Nachhinein.

Man könnte natürlich nach Indizien auf größerer Ebene suchen. Eine Möglichkeit wären lang angelegte Beobachtungsstudien. Dafür bräuchte man zwei Gruppen, die sich am Anfang kaum unterscheiden. Eine trinkt Milch, die andere verzichtet. Würden sich die Abstinenzler nun tatsächlich als gesünder erweisen, wäre das ein Anfang.

Bisherige Studien zum Thema scheinen aber von schlechter methodischer Qualität zu sein. Eine große Auswertung skandinavischer Wissenschaftler kam 2013 zumindest zum Schluss, dass der Konsum von Milchprodukten das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen wohl nicht erhöht.

Wir schließen mit einem Satz von Arnold Schwarzenegger: „Milk is for babies. When you grow up you have to drink beer.“

*Hinweis: Die Verbraucherzentrale Hamburg schreibt zum Zentrum der Gesundheit: „Objektivität der Ernährungsberatung: mangelhaft“ (PDF).

Quellen (Auswahl):
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (11/2013). Vollwertig essen und trinken nach den 10 Regeln der DGE (Link)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen/Gesundheitsinformation.de (2010). Laktoseintoleranz (Link)
Die Zeit (48/2013). Bauchgrimmen (Link)
NDR Fernsehen (2012). Gute Milch, böse Milch (Link)
Agneta Åkesson et al (2013). Health effects associated with foods characteristic of the Nordic diet: a systematic literature review. Food Nutr Res. DOI: 10.3402/fnr.v57i0.22790 (Link)450px-Milk_glass

„Vegetarier kranker als Fleischesser“

StimmtHaltNicht – Es gibt viele Gründe, sich fleischlos zu ernähren. Manche verzichten auf Burger, Döner und Schnitzel, weil ihnen Tiere leid tun. Andere beißen lieber in die Tofuwurst statt in die Bratwurst, weil sie hoffen, das sei gesünder.

Letztere Annahme stellt nun die Bild-Zeitung infrage. Die Journalisten schreiben: „Vegetarier haben häufiger Krebs und mehr Herzinfarkte, leiden wesentlich öfter an Allergien und zeigen mehr psychische Störungen als Viel-Fleischesser.“

Diese Aussage geht auf eine Studie von österreichischen Wissenschaftlern um Nathalie Burkert von der Universität Graz zurück.


Doch bevor jetzt alle Vegetarier ihre Ernährung überdenken, haben wir uns die Untersuchung genauer angeschaut.
Erst einmal verschweigt auch die Bild-Zeitung nicht, dass die Befunde der österreichischen Wissenschaftler keinen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang beschreiben. Ob fleischlose Kost tatsächlich krank macht, oder ob gesundheitlich angeschlagene Menschen sich vergleichsweise häufig vegetarisch ernähren – diese Frage können Burkert und Kollegen nicht beantworten.

Der Grund dafür ist das gewählte Forschungsdesign. Die Wissenschaftler werteten einen zwischen 2006 bis 2007 erhobenen Querschnitt aus 1320 Österreichern aus. Wenn jemand allerdings nur einmal befragt wird, lässt sich daraus eben keine Entwicklung ableiten. Die Daten bilden nur den Ist-Zustand zum Zeitpunkt der Erhebung ab.

Wie gesagt: Die Forscher behaupten nicht, dass vegetarische Ernährung für Krebs und andere Krankheiten verantwortlich ist. Warum man das in diese Untersuchung auf keinen Fall hineindeuten sollte, zeigt ein anderes Ergebnis der Auswertung. Demnach tranken die 330 Vegetarier am wenigsten Alkohol und waren auch von allen vier untersuchten Gruppen am dünnsten. Würde man bei der Untersuchung einen kausalen Zusammenhang unterstellen, müsste man damit auch sagen: Dick sein und saufen ist gesund.

In den Kommentarspalten der Fachzeitschrift Plos One wird die Studie von Burkert und Kollegen im Übrigen kritisch diskutiert. Ein Vorwurf lautet, dass eine frühere Analyse derselben Daten zu entgegengesetzen Ergebnissen kam. Burkerts Antwort: Die neue Auswertung sei genauer als die alte. Da die Gruppe der Vegetarier verhältnismäßig klein und bunt gemischt war, sei es sinnvoll gewesen, jedem einzelnen Fleischverzichter jeweils Fleischesser exakt desselben Alters und Einkommens gegenüberzustellen.

Quellen:
Bild.de (27. Februar 2014). Vegetarier kranker als Fleischesser. (Link)
Pressemitteilung der medizinischen Universität Graz (2014). Ausgewogene Mischkost bringt höchste Lebensqualität. (Link)
Nathalie T. Burkert et al. (2014). Nutrition and Health – The Association between Eating Behavior and Various Health Parameters: A Matched Sample Study. Plos One. DOI: 10.1371/journal.pone.0088278 (Volltext)
Krebsinformationsdienst (2007). Ernährung und Krebs (Link)

Läuseeier lassen sich nur mit Spezialshampoo aus den Haaren kämmen

StimmtHaltNicht – Doof genug, wenn man Kopfläuse hat. Aber selbst wenn die zwei bis drei Millimeter kleinen Insekten getötet wurden, sind ihre Eier, die sogenannten Nissen, immer noch schwer aus der Frisur zu bekommen. Die Weibchen der Gattung Pediculus humanus capitis kleben ihre Eier nämlich richtiggehend an den Haaren fest. Deshalb gibt es Spezialshampoos, die helfen sollen, die Nissen auszubürsten.

Aber braucht es diese Mittelchen überhaupt?

Eher nicht, sagen belgischen Wissenschaftler um Hilde Lapeere. Eine handelsübliche Haarspülung ist wohl ebenso effektiv.

Wie kommen die Forscher zu dieser Aussage? Sie untersuchten im Labor 605 Haare von sechs verschiedenen Kindern. An jedem Haar klebte eine Laus-Hinterlassenschaft. In der Mehrzahl handelte es sich dabei um leere Hüllen, nur in 14 Prozent der Fälle war noch ein totes Ei enthalten. Die Wissenschaftler versuchten nun, die Nissen zu entfernen und maßen, wie viel Kraft dafür notwendig war. Am schwierigsten gestaltete sich das bei unbehandelten, trockenen Haaren. Mandelöl und eine Ameisensäure-Lösung machten es ebenfalls nicht viel einfacher. Schon besser ging es, wenn die Haare mit Wasser eingeweicht waren. Doch am leichtesten war es für die Forscher, wenn sie die Haare vorab mit einer Spülung oder einem professionellen Nissen-Entfernungsprodukt durchgespült worden hatten.

Überraschenderweise gab es aber keinen nennenswerten Unterschied zwischen den Profi-Produkten und der Supermarkt-Spülung. Nach Ansicht der Wissenschaftler wirken Wasser, Spülung und Shampoo als eine Art Schmiermittel, mit deren Hilfe der Kamm besser durchs Haar gleitet. Das vermindert die Reibung, sodass weniger Kraft aufzuwenden ist.

Mit ihren Erkenntnissen bestätigen die Forscher um Hilde Lapeere bestehende  Empfehlungen, zum Beispiel der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA).

Dislaimer: Wir sind leider nicht an den Volltext der Studie herangekommen und beziehen uns deshalb auf diese Pressemitteilung.

Quellen:
Hilde Lapeere et al (2014). Efficacy of Products to Remove Eggs of Pediculus humanus capitis (Phthiraptera: Pediculidae) From the Human Hair. Journal of Medical Entomology (Abstract)
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2011). Kopfläuse … was tun? (Broschüre)
Robert-Koch-Institut (2008). Ratgeber Kopflausbefall (Link)