Schwangere brauchen Eisenpräparate

StimmtHaltNicht – Nicht alle Frauen, die ein Kind erwarten, müssen Nahrungsergängzungsmittel einnehmen, die Eisen enthalten. Das berichtet gesundheitsinformation.de. Die Fachleute haben für ihren Beitrag aktuelle Forschungsarbeiten ausgewertet.

Allerdings gibt es auch Schwangere, denen Eisenpräparate nützen. Das sind Frauen, die an Blutarmut – fachsprachlich Anämie – leiden.

Allen anderen bringt es wenig, auf Verdacht entsprechende Tabletten oder Tropfen zu schlucken. Es reicht, genügend Eisen über die Nahrung aufzunehmen.

Lebensmittel, die viel Eisen enthalten, sind:

  • Fleisch, insbesondere Leber
  • Getreide, vor allem Vollkornflocken
  • Hülsenfrüchte wie Linsen und Bohnen
  • geringe Mengen an Eisen verbergen sich auch in grünem Blattgemüse, etwa in Feldsalat, Spinat und Kräutern wie Petersilie und Kresse

Und warum brauchen Menschen überhaupt Eisen? Dieses chemische Element ist im Farbstoff der roten Blutkörperchen enthalten, dem sogenannten Hämoglobin. Rote Blutkörperchen transportieren – mithilfe des Hämoglobins – Sauerstoff in Gewebe und Organe des Körpers. Fehlt Eisen, sinkt die Menge des roten Farbstoffs im Blut, was die Versorgung der Zellen beinträchtigen kann.

Wer weitere Fragen zu Schwangerschaft und Geburt hat: Gesundheitsinformation.de hat in einem umfangreichen Special Antworten für werdende Eltern zusammengestellt.

Quelle:
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)/gesundheitsinformation.de (2014). Benötigen alle schwangeren Frauen Eisenpräparate? (Link)

Die Steinzeit-Diät ist gut für Sportler

Nachgehakt – Wie sollten sich Athleten ernähren? Das hat der Kölner Stadtanzeiger Petra Platen vom Institut für Sporternährung und -medizin der Universität Bochum gefragt.

Auf die Frage, ob es in ihrem Fachgebiet neue Entwicklungen gebe, antwortet Platen: „Der Trend könnte in nächster Zeit eher in Richtung Steinzeit-Ernährung gehen. Es ist der Versuch, unsere Ernährungsgewohnheiten wieder stärker an das zu adaptieren, wofür unsere Gene tatsächlich ausgelegt sind. Erste klinische Studien zeigen, dass eine steinzeitlich ausgerichtete Ernährung noch positivere Effekte hat als eine mediterrane.“

Die Antwort hat uns überrascht. Vor Kurzem haben wir selbst über die sogenannte Paläodiät geschrieben. Damals waren wir zu dem Fazit gekommen, dass die Sinnhaftigkeit dieser Ernährungsweise durchaus umstritten ist. Zugeben: Unser Beitrag war eher allgemein gehalten; im Kölner Stadtanzeiger geht es um Sportler. Trotzdem fragen wir uns, wie das zusammenpasst.

Vielleicht haben wir bei unserer Recherche etwas übersehen? Wir haben bei Petra Platen nachgefragt, welche klinischen Studien sie konkret meint. Leider hat sie zurückgemeldet, sie habe derzeit keine Zeit, uns eine Antwort zu geben.

Deshalb haben wir selbst noch einmal in der Studiendatenbank Pubmed nachgesehen. Gefunden haben wir immer noch wenig. Und was wir gefunden haben, ist methodisch nicht unbedingt überzeugend. Mal davon abgesehen, dass wir eben nicht nur Zustimmung zu diesem Diät-Muster gelesen haben.

Bis auf Weiteres heißt es deshalb: The jury is still out.

Quellen:
Kölner Stadtanzeiger (14.3.2014). Ernährung: „Essen wie unsere Vorfahren“ (Link)
Recherche auf Pubmed, www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed, Suchbegriffe: „paleolithic diet health“ (24 Treffer, darunter eine Handvoll Studien, die tatsächlich etwas mit Gesundheit und Ernährung zu tun haben) und „paleolithic diet and exercise“ (5 Treffer, darunter nichts, das etwas mit Sport zu tun hat)

„Vegetarier kranker als Fleischesser“

StimmtHaltNicht – Es gibt viele Gründe, sich fleischlos zu ernähren. Manche verzichten auf Burger, Döner und Schnitzel, weil ihnen Tiere leid tun. Andere beißen lieber in die Tofuwurst statt in die Bratwurst, weil sie hoffen, das sei gesünder.

Letztere Annahme stellt nun die Bild-Zeitung infrage. Die Journalisten schreiben: „Vegetarier haben häufiger Krebs und mehr Herzinfarkte, leiden wesentlich öfter an Allergien und zeigen mehr psychische Störungen als Viel-Fleischesser.“

Diese Aussage geht auf eine Studie von österreichischen Wissenschaftlern um Nathalie Burkert von der Universität Graz zurück.


Doch bevor jetzt alle Vegetarier ihre Ernährung überdenken, haben wir uns die Untersuchung genauer angeschaut.
Erst einmal verschweigt auch die Bild-Zeitung nicht, dass die Befunde der österreichischen Wissenschaftler keinen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang beschreiben. Ob fleischlose Kost tatsächlich krank macht, oder ob gesundheitlich angeschlagene Menschen sich vergleichsweise häufig vegetarisch ernähren – diese Frage können Burkert und Kollegen nicht beantworten.

Der Grund dafür ist das gewählte Forschungsdesign. Die Wissenschaftler werteten einen zwischen 2006 bis 2007 erhobenen Querschnitt aus 1320 Österreichern aus. Wenn jemand allerdings nur einmal befragt wird, lässt sich daraus eben keine Entwicklung ableiten. Die Daten bilden nur den Ist-Zustand zum Zeitpunkt der Erhebung ab.

Wie gesagt: Die Forscher behaupten nicht, dass vegetarische Ernährung für Krebs und andere Krankheiten verantwortlich ist. Warum man das in diese Untersuchung auf keinen Fall hineindeuten sollte, zeigt ein anderes Ergebnis der Auswertung. Demnach tranken die 330 Vegetarier am wenigsten Alkohol und waren auch von allen vier untersuchten Gruppen am dünnsten. Würde man bei der Untersuchung einen kausalen Zusammenhang unterstellen, müsste man damit auch sagen: Dick sein und saufen ist gesund.

In den Kommentarspalten der Fachzeitschrift Plos One wird die Studie von Burkert und Kollegen im Übrigen kritisch diskutiert. Ein Vorwurf lautet, dass eine frühere Analyse derselben Daten zu entgegengesetzen Ergebnissen kam. Burkerts Antwort: Die neue Auswertung sei genauer als die alte. Da die Gruppe der Vegetarier verhältnismäßig klein und bunt gemischt war, sei es sinnvoll gewesen, jedem einzelnen Fleischverzichter jeweils Fleischesser exakt desselben Alters und Einkommens gegenüberzustellen.

Quellen:
Bild.de (27. Februar 2014). Vegetarier kranker als Fleischesser. (Link)
Pressemitteilung der medizinischen Universität Graz (2014). Ausgewogene Mischkost bringt höchste Lebensqualität. (Link)
Nathalie T. Burkert et al. (2014). Nutrition and Health – The Association between Eating Behavior and Various Health Parameters: A Matched Sample Study. Plos One. DOI: 10.1371/journal.pone.0088278 (Volltext)
Krebsinformationsdienst (2007). Ernährung und Krebs (Link)

Läuseeier lassen sich nur mit Spezialshampoo aus den Haaren kämmen

StimmtHaltNicht – Doof genug, wenn man Kopfläuse hat. Aber selbst wenn die zwei bis drei Millimeter kleinen Insekten getötet wurden, sind ihre Eier, die sogenannten Nissen, immer noch schwer aus der Frisur zu bekommen. Die Weibchen der Gattung Pediculus humanus capitis kleben ihre Eier nämlich richtiggehend an den Haaren fest. Deshalb gibt es Spezialshampoos, die helfen sollen, die Nissen auszubürsten.

Aber braucht es diese Mittelchen überhaupt?

Eher nicht, sagen belgischen Wissenschaftler um Hilde Lapeere. Eine handelsübliche Haarspülung ist wohl ebenso effektiv.

Wie kommen die Forscher zu dieser Aussage? Sie untersuchten im Labor 605 Haare von sechs verschiedenen Kindern. An jedem Haar klebte eine Laus-Hinterlassenschaft. In der Mehrzahl handelte es sich dabei um leere Hüllen, nur in 14 Prozent der Fälle war noch ein totes Ei enthalten. Die Wissenschaftler versuchten nun, die Nissen zu entfernen und maßen, wie viel Kraft dafür notwendig war. Am schwierigsten gestaltete sich das bei unbehandelten, trockenen Haaren. Mandelöl und eine Ameisensäure-Lösung machten es ebenfalls nicht viel einfacher. Schon besser ging es, wenn die Haare mit Wasser eingeweicht waren. Doch am leichtesten war es für die Forscher, wenn sie die Haare vorab mit einer Spülung oder einem professionellen Nissen-Entfernungsprodukt durchgespült worden hatten.

Überraschenderweise gab es aber keinen nennenswerten Unterschied zwischen den Profi-Produkten und der Supermarkt-Spülung. Nach Ansicht der Wissenschaftler wirken Wasser, Spülung und Shampoo als eine Art Schmiermittel, mit deren Hilfe der Kamm besser durchs Haar gleitet. Das vermindert die Reibung, sodass weniger Kraft aufzuwenden ist.

Mit ihren Erkenntnissen bestätigen die Forscher um Hilde Lapeere bestehende  Empfehlungen, zum Beispiel der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA).

Dislaimer: Wir sind leider nicht an den Volltext der Studie herangekommen und beziehen uns deshalb auf diese Pressemitteilung.

Quellen:
Hilde Lapeere et al (2014). Efficacy of Products to Remove Eggs of Pediculus humanus capitis (Phthiraptera: Pediculidae) From the Human Hair. Journal of Medical Entomology (Abstract)
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2011). Kopfläuse … was tun? (Broschüre)
Robert-Koch-Institut (2008). Ratgeber Kopflausbefall (Link)

In Deutschland haben wir nur noch „10 wirklich renommierte und gute Wissenschaftsjournalisten“

StimmtHaltNicht – Diese Behauptung von Prof. Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin ist ziemlich fragwürdig. Gesagt hat er diesen Satz beim ersten Wissenschaftstag des rbb.

Warum stimmt er halt nicht? Das hat Prof. Holger Wormer vom Lehrstuhl für Wissenschaftsjournalismus der Technischen Universität Dortmund in der „Sprechstunde“ des Medien Doktor  sehr schön zusammengefasst. Da halten wir uns diesmal doch zurück und verlinken seinen Eintrag einfach: „Zehn kleine Wissenschaftsjournalistlein„.

Nachtrag: Martin Schneider, Vorsitzender der Wissenschafts-Pressekonferenz (wpk), hat in einem offenen Brief auf die Aussagen von Prof. Olbertz reagiert und ihn zu einem offenen Kamingespräch eingeladen. Wir sind gespannt, wie es weiter geht.Watch movie online Logan (2017)

Und noch ein Nachtrag: Prof. Olbertz hat auf den offenen Brief der wpk reagiert. In einer Antwort, die auf der Seite der wpk veröffentlicht ist, schreibt er: „Sie haben recht, wenn Sie vermuten, dass mir diese Bemerkung unüberlegt ‚herausgerutscht‘ ist. Das stimmt tatsächlich, und ich würde diese Aussage auch nicht wiederholen.“ Anschließend ordnet er seine Formulierung noch im Gesprächskontext ein. Hier gibt es die gesamte Antwort.

Veronica Ferres sieht dank Paleo-Diät besser aus denn je

StimmtHaltNicht – Veronica Ferres setzt auf die sogenannte Steinzeitdiät. „Ich ernähre mich nach der Paleo-Diät. Ich habe damit fünf Kilo abgenommen“, sagte die Schauspielerin zu Bild.de.

Aha. Aber was ist diese Steinzeitdiät? Und: Ist das Konzept dahinter ein sinnvolles?

Die Idee der Paläo-Diät klingt erst einmal nachvollziehbar. Demnach haben sich die menschlichen Gene in den vergangenen 50.000 Jahren kaum verändert. Der Lebensstil der Menschen hat sich jedoch massiv gewandelt. Das Aufkommen der Landwirtschaft vor etwa 10.000 Jahren führte zu anderer Ernährung und weniger Bewegung.

So formulierten das 1985 Boyd Eaton und Melvin Konner von der Emory University in Atlanta. Der Ausweg: Wir heute lebenden sollten uns ein Beispiel an früheren Sammlern und Jägern nehmen. Mehr Bewegung und andere Ernährung macht uns demnach fitter, glücklicher und gesünder.

Veronica Ferres, Quelle: Wikipedia/Office Veronica Ferres
Veronica Ferres, Quelle: Wikipedia/Office Veronica Ferres

Gegen etwas mehr Sport ist für durchschnittliche Couch-Potatoes wohl nichts zu sagen. Aber wie sinnvoll ist eine Ernährungsummstellung? Veronica Ferres verzichtet auf viele Nahrungsmittel: „Ich esse keinen Zucker, kein Getreide, keine Milchprodukte. Ich backe mir mit Nüssen und Cranberries mein eigenes Brot und schlage ein Ei rein. Absolut köstlich.“ Die Münchner Abendzeitung weiß, dass Ferres weder „Nikotin, Kohlenhydrate“ noch „Alkohol braucht, um glücklich zu sein“.

Nikotin, Alkohol – einverstanden. Aber vollständig auf Kohlenhydrate verzichten? Nicht nur Chips und Süßigkeiten enthalten diese Energielieferanten. Die sind ja praktisch überall drin – sogar im Gemüse.

Und so plausibel das Paläo-Diät-Konzept klingt: Wenn man etwas darüber nachdenkt, gibt es viele Gründe, die dagegen sprechen. Warum, zum Beispiel, sollte der Durchschnittsmensch vor 50.000 Jahren das Ideal für eine perfekte Übereinstimmung zwischen Genen, Lebensstil und Ernährung sein? Zudem, fragt Caroline Williams im New Scientist, sind die heutigen Erdenbewohner auch gar nicht so schlecht an die Gegenwart angepasst wie sie denken. Viele Menschen haben mehrere Ausgaben der Gene, die den Bauplan für das stärkeabbauende Enzym Amylase enthalten, können also Getreidestärke verarbeiten. Der Verzicht ist also nicht nötig.

Doch selbst wenn wir uns wirklich ernähren müssten wie in der Steinzeit: Wir könnten es nicht. Die Nahrung, die heute im Supermarkt verkauft wird, gab es vor 50.000 Jahren nicht. Unsere Vorfahren haben Pflanzen und Tiere nach ihren Bedürfnissen gezüchtet und somit verändert.

Studien, in denen die Wirksamkeit der Paläo-Diät mit anderen Ernährungsprogrammen bei gesunden Erwachsenen verglichen wurde, haben wir in der Studiendatenbank Pubmed nicht gefunden.

Vielleicht hat der britische Psychologe James Thompson doch recht, der vermutet: Die beste Diät ist immer noch, weniger zu essen.

Quellen:
Bild.de (2014). Steinzeit-Diät macht Veronica Ferres so schön, 3. Februar 2014 (Link)
Abendzeitung München (2014). Veronica Ferres setzt auf die „Paläo-Diät“, 3. Februar 2014 (Link)
Caroline Williams (2013). Health myths: We should live and eat like cavemen. New Scientist, 219/2931, 36 (Abstract)

Per Hypnose zum Nichtraucher

StimmtHaltNicht – Viele Raucher wollen aufhören, schaffen es aber nicht. Würde es ihnen helfen, sich Unterstützung durch eine Hypnose-Therapie zu suchen? Ja, suggeriert ein Beitrag in der Lüneburger Landeszeitung vom 2. Januar 2014. In dem Artikel kommen drei Hypnotiseurinnen zu Wort, ihre Arbeit wird ausführlich vorgestellt. Eine der befragten Frauen nennt auch eine Erfolgsquote. Zwar will sie sich nicht genau festlegen, wie hoch die Chancen sind, nach einer Behandlung tatsächlich sein Laster aufzugeben. Doch sie sagt: „[…] Man schätzt, dass es etwa 85 Prozent sind.“

85 Prozent? Das klingt erst mal ziemlich gut. Doch der Leser erfährt weder, wo diese Zahl herkommt. Noch wird deutlich, worauf sie sich wirklich bezieht: Wie lange gelingt es den Rauchern tatsächlich, clean zu bleiben? Theoretisch könnte es sein, dass 85 Prozent der Nikotinsüchtigen für wenige Tage von ihren Zigaretten lassen und dann wieder anfangen. Und zuletzt wäre ein Vergleich sinnvoll: Wie wirksam ist die Hypnose im Vergleich zu einer Psychotherapie oder zur Entwöhnung mithilfe von Medikamenten?

Dabei gibt es durchaus Antworten auf diese Fragen. Eine Auswertung von Wissenschaftlern im Auftrag der Cochrane Collaboration kommt zu dem Schluss, dass die Hypnosetherapie nicht wirkungsvoller als andere Ansätze ist, etwa Psychotherapie oder Beratung. Von Interesse war, wie erfolgreich die Aufhörwilligen sechs Monate nach dem Rauchstopp waren.

Bild: © 2005 by Tomasz Sienicki / Wikipedia
Bild: © 2005 by Tomasz Sienicki / Wikipedia

Noch kritischer sind die Fachleute der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Sie schreiben: „Die Wirksamkeit von Hypnose im Rahmen einer Tabakentwöhnung konnte bisher nicht wissenschaftlich belegt werden.“

Dass es ernsthafte Zweifel daran gibt, mithilfe von Hypnose zum Nichtraucher zu werden, erfahren die Leser der Lüneburger Landeszeitung nicht. Dabei kann man dem Autor des Beitrags keinen fehlenden Fleiß vorwerfen: Immerhin hat er mit drei Hypnotiseurinnen gesprochen. Besser wäre es gewesen, auf ein Statement der Praktikerinnen zu verzichten und stattdessen noch einen unabhängigen Experten zu befragen.

(Übrigens: Journalisten, die zu medizinischen Themen Unterstützung bei der Recherche benötigen, können sich kostenlos an das Angebot Medien-Doktor Pro wenden.)

Quellen:
Lüneburger Landeszeitung, 2. Januar 2014: Gute Vorsätze in Trance verwirklichen (Volltext)
Jo Barnes et al. (2010). Hypnotherapy for smoking cessation. Cochrane Database Syst Rev. DOI: 10.1002/14651858.CD001008.pub2 (Abstract)
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: www.rauchfrei-info.de, Beitrag „Hypnose
Gesundheitsinformation.de: Rauchentwöhnung (Link)

„Erwiesen: Männer können besser einparken, Frauen besser einfühlen“

StimmtHaltNicht – So, wie es die Solothurner Zeitung tut, lässt sich die jüngste Veröffentlichung der amerikanischen Forscherin Madhura Ingalhalikar sicher nicht zusammenfassen. Denn ums Einparken ging es in der Studie bestenfalls indirekt.

Die eigentliche Frage war: Sind die Gehirne von Männern und Frauen unterschiedlich verdrahtet? Das Team um Ingahalikar sagt: Ja, zwischen den Geschlechtern bestehen fundamentale Differenzen.

Allerdings haben einige Fachleute Bedenken an dieser in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichten Arbeit. Nach einer kritischen Einordnung haben wir zumindest in deutschsprachigen Medien vergeblich gesucht. FAZSpiegel Online und viele andere geben nur die Einschätzungen der Studienautoren wieder. Wir haben deshalb einige Kritikpunkte zusammengetragen.

Unterschiedliche Verbindungen bei Männern (oben) und Frauen. Bild: Ragini Verma/PNAS
Unterschiedliche Netzwerkaktivität, oben bei Männern und unten bei Frauen. Bild: Ragini Verma/PNAS

Zunächt jedoch ein paar Worte dazu, was die Wissenschaftler aus Philadelphia überhaupt gemacht haben. Sie untersuchten 949 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mithilfe der sogenannten Diffusions-Tensor-Bildgebung. Der Kniff dabei: Anhand der Bewegung von Wassermolekülen konnten sie Erkenntnisse über den Verlauf von Nervenfasern gewinnen. Ingalhalikar und ihr Team anlysierten dann die Daten und werteten dann aus, wie stark die Verbindungen zwischen 95 Bereichen des Hirns waren. Sie fanden Unterschiede zwischen diesen Netzwerken, abhängig vom Geschlecht der Versuchspersonen. So sei bei Männern die Vernetzung innerhalb der Hirnhälften stärker ausgeprägt; dafür seien bei Frauen linke und rechte Hirnhälfte besser miteinander verdrahtet.

Uns fehlt es am Vorwissen, um die Studie selbst im Detail unter die Lupe zu nehmen. Deshalb haben wir hier einige offene Fragen zu dieser Arbeit zusammengetragen:

  • Niemand bestreitet, dass es biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, etwa was Hirngröße und Hormonspiegel angeht. Bekannt ist jedoch auch, dass Männer und Frauen in vielen Lebensbereichen von ihrer Geburt an unterschiedlich behandelt werden. Es wäre verwunderlich, wenn sich das nicht auch in neurologischen Unterschieden ausdrücken würde. Ingalhalikar und Kollegen können aber nicht sagen, welche Ursachen die gefunden Differenzen zwischen Mann und Frau haben (mehr dazu: Tom Stafford/Are men better wired to read maps or is it a tired cliché?).
  • Die Forscher aus Philadelphia haben zwar statistisch signifikante Unterschiede gefunden. Diese waren allerdings ziemlich gering. Möglicherweise sind sie für den Alltag deshalb bedeutungslos (mehr dazu: Christian Jarrett/Getting in a Tangle Over Men’s and Women’s Brain Wiring).
  • Dazu passt: Eine frühere Studie des Forschungsteams um Ingahalikar fand nur sehr geringe psychologisch relevante Geschlechtsunterschiede. Dabei ging es um Fähigkeiten wie Aufmerksamkeitskontrolle, Gedächtnis, logisches Denken, räumliche Verarbeitung, sensomotorische Fähigkeiten und soziales Denken. Um Dinge wie einparken und einfühlen ging es übrigens auch in dieser Arbeit nicht (mehr dazu: Cordelia Fine/New insights into gendered brain wiring, or a perfect case study in neurosexism?).
  • Alternativhypothesen werden zu wenig berücksichtigt. So könnte es theoretisch sein, dass die gefundenen Unterschiede weniger mit dem Geschlecht der Versuchspersonen zu tun hatten als mit ihrer Hirngröße. Denn größere Hirne sind in der Regel anders verdrahtet als kleine. Es ist es möglich, dass die Befunde letztlich nur etwas über Unterschiede zwischen Menschen mit großen und kleinen Hirnen sagen; das Geschlecht wäre dann nicht die Ursache dieser Differenzen (mehr dazu: Cordelia Fine/New insights into gendered brain wiring, or a perfect case study in neurosexism?).
  • Nicht berücksichtigt wurden mögliche Messfehler durch Kopfbewegungen. Vielleicht unterscheiden sich Männer und Frauen auch dadurch, dass eine Gruppe den Kopf häufiger während eines Hirnscans bewegt als die andere (mehr dazu: Neuroskeptic/Men, Women, and Big PNAS Papers).

Quelle: Madhura Ingalhalikar et al (2013). Sex differences in the structural connectome of the human brain. PNAS, online vor Print, 2. December 2013. DOI: 10.1073/pnas.1316909110 (Abstract)

Stillen hilft langfristig gegen Übergewicht

StimmtHaltNicht – Der Muttermilch werden so einige gute Eigenschaften zugeschrieben. Einen positiven Einfluss auf das Gewicht hat sie jedoch nicht. In dieser Hinsicht spielt es keine Rolle, ob man als Baby an der Brust oder an der Flasche genuckelt hat. Darauf weisen Wissenschaftler um Krista Casazza hin.

Die Forscher haben sich für das New England Journal of Medicine populäre Diätmythen genauer angesehen. Und bei immerhin sieben der 20 Mythen fanden sich in den einschlägigen Quellen keine Belege.

So war es auch beim Schlankheitsmythos Muttermilch. Casazza und Kollegen haben Anhaltspunkte für eine systematische Verzerrung der bisherigen Veröffentlichungen gefunden. Offenbar wurden Daten, die diese These nicht unterstützten, nur selten publiziert. Je größer und methodisch besser Studien zum Thema gemacht waren, desto weniger Belege für diesen Mythos fanden sich. So konnte eine Langzeituntersuchung an 13.000 Kindern keinen Nachweis erbringen.

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Diätmythen auf dem Prüfstand

Sechs weitere Mythen zu einer schlanken Figur hielten dem Check der amerikanischen Forscher ebenfalls nicht stand:

  1. Kleine Veränderungen des Lebensstils können die Kilos in großem Umfang purzeln lassen. Sicher schadet es nicht, öfter mal die Treppe statt den Fahrstuhl zu nehmen. Doch wer ernsthaft abnehmen will, scheint an ebenso ernsthaften Veränderungen nicht vorbeizukommen.
  2. Realistische Ziele sind besser als ambitionierte Vorstellungen. Klingt eigentlich vernünftig, sagen die Autoren – schließlich kann man sich gut vorstellen, dass Frustration die Gefahr erhöht, ganz aufzugeben. Doch überraschenderweise ergab sich kein eindeutiges Bild zum Nachteil der ehrgeizigen Diätpläne. Das galt sowohl für das Befolgen des jeweiligen Abnehmprogramms, als auch für den tatsächlichen Gewichtsverlust.
  3. Crashdiäten bringen nichts. Zwar mag es ungesund sein, schnell viel Gewicht zu verlieren. Casazza und Kollegen zitieren aber eine umfangreiche Metaanalyse, derzufolge es langfristig weitgehend egal ist, in welchem Tempo man anfangs abgenommen hat.
  4. Je größer die innere Bereitschaft zu einer Diät, desto größer der Erfolg. Wer zumindest einen minimalen Willen hat und sich zum Beispiel für ein Abnehmprogramm anmeldet, hat den wichtigsten Schritt getan. Aus dem Willen zur Veränderung lässt sich offenbar nicht genauer vorhersagen, wie erfolgreich die Diät sein wird.
  5. Sportunterricht hilft, Fettleibigkeit unter Kindern vorzubeugen. Casazza und ihr Team zitieren etwa eine Untersuchung aus der Schweiz. Dort waren die Ergebnisse inkonsistent, ein eindeutige Empfehlung lässt sich daraus nicht ableiten. Auch zwei Metaanalysen brachten wenig Argumente für die derzeitig praktizierten Leibesübungen. Allerdings: Grundsätzlich sei Sport natürlich ein probates Mittel gegen Fettleibigkeit. Aber ob die dafür nötige Kombination von Häufigkeit, Intensität und Dauer im Schulsystem Platz habe, sei fraglich.
  6. Abnehmen durch Geschlechtsverkehr. Angeblich verbrennt jeder Teilnehmer 100 bis 300 Kilokalorien beim Sex. Auch das ist leider falsch. Tatsächlich verbraucht man beim Liebesakt nicht mehr Energie als beim Spaziergang. Ein 70 Kilo schwerer Mann verliert beim Sex nur etwa 3,5 Kalorien pro Minute.

Um es also noch einmal ganz klar zu sagen: Die Forscher um Krista Casazza sagen zu jedem dieser Mythen – Stimmt halt nicht.

 

Quellen:
Krista Casazza et al. (2013). Myths, Presumptions, and Facts about Obesity. New England Journal of Medicine 368/5, 446-454. DOI: 10.1056/NEJMsa1208051 (Volltext)
Deutschsprachiger Beitrag in der Pharmazeutischen Zeitung
James Thompson: Diet is an IQ test. Psychological Comments, 20. November 2013 (Link)

Wissenschaft ist perfekt

StimmtHaltNicht – Wissenschaftliche Aussagen sind nur selten perfekt. In der Regel sind sie eine Annäherung an die Wahrheit.* Wenn in der Medizin beispielsweise die Wirksamkeit eines neuen Medikaments wissenschaftlich bestätigt wurde, bedeutet das nicht, dass alle Menschen gleichermaßen davon profitieren.

Ohne Titel
Der Beitrag von Sutherland et al. in Nature. Screenshot: StimmtHaltNicht

Oft sind wissenschaftliche Aussagen Angaben über Wahrscheinlichkeiten. Nicht immer wird das in der Öffentlichkeit so wahrgenommen. Hört man etwa in der Werbung von wissenschaftlich erwiesenen Belegen für einen abwehrstärkenden Effekt von Joghurt, dann glaubt man: Das muss ja stimmen. Aber diese Belege, die sogenannte wissenschaftliche Evidenz, sind eben nicht perfekt. Sie können mehr oder weniger stichhaltige Aussagen über die Realität treffen. Was wäre zum Beispiel, wenn die förderliche Wirkung eines Joghurts nur an drei kerngesunden Mitarbeitern des Herstellers gestet wurde – und die beteiligten Wissenschaftler zusätzlich einen Fehler in ihren Daten übersehen haben?

Die gute Nachricht: Wie vertrauenswürdig wissenschaftliche Aussagen sind, lässt sich beurteilen. Von Vorteil ist das natürlich für jeden Einzelnen. Besonders wichtig ist es aber, dass Personen, die politische Entscheidungen treffen oder an der gesellschaftlichen Meinungsbildung beteiligt sind, zumindest ungefähr wissen, wovon sie sprechen: Schließlich kann ihr Handeln weitreichende Konsequenzen haben.Roblox Hack Free Robux

Für letztere Personengruppe haben Wissenschaftler um William Sutherland von der Universität Cambridge (UK) „20 Tipps zur Interpretation von wissenschaftlichen Aussagen“ erstellt und sie im Fachmagazin Nature veröffentlicht. Sutherland und Kollegen erklären darin vor allem, welche Fragen man sich stellen sollte, wenn einem scheinbar objektive Daten vorlegt werden, etwa: Wie wahrscheinlich ist es, dass dieses Ergebnis falsch ist? Sie richten sich in erster Linie an Politiker und deren Umfeld. Ebenso sollten sie jedoch auch in der Journalistenausbildung enthalten sein, so die Wissenschaftler.

„To this end, we suggest 20 concepts that should be part of the education of civil servants, politicians, policy advisers and journalists — and anyone else who may have to interact with science or scientists. Politicians with a healthy scepticism of scientific advocates might simply prefer to arm themselves with this critical set of knowledge.“

Wir finden, dieser Artikel ist Pflichtlektüre.

Quelle: 
William J. Sutherland, David Spiegelhalter, Mark A. Burgman (2013). Policy: Twenty tips for interpreting scientific claims. Nature 503, 335–337. Doi: 10.1038/503335a URL: http://www.nature.com/news/policy-twenty-tips-for-interpreting-scientific-claims-1.14183

* Über den Wahrheitsbegriff in der Wissenschaft wurden bereits Bücher gefüllt. Erste Anhaltspunkt dazu gibt unter http://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftstheorie