„Jedes Kind ist hochbegabt“

StimmtHaltNicht – Der Trailer beginnt mit den Bildern einer Wüste im Dämmerlicht. Aus dem Off lobt eine Stimme erst die menschliche Vorstellungskraft. Dann warnt sie, dass Kindern diese Imaginationsfähigkeit systematisch ausgetrieben werde. Es folgt ein Schnitt, eine Texttafel wird eingeblendet:

„98 Prozent der Kinder kommen hochbegabt zur Welt. Nach der Schule sind es nur noch zwei Prozent.“

So wirbt der Regisseur Erwin Wagenhofer für seinen aktuellen Film. Seit vergangenem Donnerstag (31. Oktober 2013) wird Alphabet in Deutschland gezeigt. Am Ende des Trailers wiederholt der Neurowissenschaftler Gerald Hüther noch einmal die These, dass jedes Kind hochbegabt sei.

Wie man es auch dreht und wendet: Das ist Quatsch. Denn Hochbegabung ist ein halbwegs klar umrissenes Konzept aus der Intelligenzforschung. Hochbegabt ist, wer intellektuelle Leistungen erbringt, die weit über dem Durchschnitt liegen. Per Definition liegt der Durchschnitts-IQ bei 100. Hochbegabt ist, wer auf einen IQ von mehr als 130 kommt. Von 100 Menschen, die sich testen lassen, sind das etwa zwei.

Dabei ist Intelligenz relativ. Nehmen wir an, 98 Prozent der Kinder könnten bereits bei ihrer Geburt lesen. Das wäre beeindruckend. Doch vergliche man ihre Fähigkeiten, würde wieder ein Durchschnitts-IQ von 100 herauskommen. Denn Intelligenz ist, anders als etwa die Körpergröße, nie absolut, sondern entsteht immer im Vergleich zu anderen Menschen.

Die Aussage aus dem Alphabet-Trailer erinnert ein wenig an eine ältere Studie von Psychologen um Iain McCormick: Demnach halten sich 80 Prozent der Autofahrer für überdurchschnittlich gute Fahrzeuglenker. Und auch das kann, statistisch gesehen, natürlich nicht sein.

Quellen:
Trailer des Films Alphabet (Link)
Iain A. McCormick, Frank H. Walkey, Dianne E. Green (1986). Comparative perceptions of driver ability— A confirmation and expansion. Accident Analysis & Prevention, 18/3, 1986, 205-208 (Abstract)
Rena F. Subotnik, Paula Olszewski-Kubilius, Frank C. Worrell (2011). Rethinking Giftedness and Gifted Education: A Proposed Direction Forward Based on Psychological Science. Psychological Science in the Public Interest 12/1, 3-54 (Link)
Ian J. Deary, Alexander Weiss, G. David Batty (2010). Intelligence and Personality as Predictors of Illness and Death: How Researchers in Differential Psychology and Chronic Disease Epidemiology Are Collaborating to Understand and Address Health Inequalities. Psychological Science in the Public Interest 11/2, 53-79 (Link)

4 Antworten auf „„Jedes Kind ist hochbegabt““

  1. „Die Aussage aus dem Alphabet-Trailer erinnert ein wenig an eine ältere Studie von Psychologen um Iain McCormick: Demnach halten sich 80 Prozent der Autofahrer für überdurchschnittlich gute Fahrzeuglenker. Und auch das kann, statistisch gesehen, natürlich nicht sein.“
    Doch, kann es. Es werden zwar vermutlich etwa 50 v. H. der Autofahrer tatsächlich überdurchschnittlich gut fahren, aber für gute Fahrer „halten“(!) können sich fast alle. Es werden sich vermutlich auch nicht ganz 50 v. H. einer Gruppe für unterdurchschnittlich intelligent halten, auch wenn sie es (Normalverteilung vorausgesetzt) wohl sein müssen. So ist das mit der Selbsteinschätzung.
    Setzt man die Normalverteilung beim Talent der Autofahrer nicht voraus, kann es sogar sein, das 80 v. H. tatsächlich überdurchschnittlich gut fahren und nur 20 v. H. unterdurchschnittlich. Nimmt man eine Skala ähnlich der zur Intelligenz mit einem Mittelwert von 100, so könnte es etwa sein, dass 80 v. H. Fahrern einen überdurchschnittlichen Wert von 101 erreichen und 20 v. H. einen unterdurchschnittlichen von 96.

    1. Lieber Thorsten, da waren wir tatsächlich voreilig und unsauber, danke für den Hinweis. Erstens können natürlich 80 Prozent der Autofahrer von sich glauben, sie seien am Steuer besondere Helden. Nichts anderes haben McCormick und Kollegen ja auch herausgefunden. Zweitens haben wir nicht genau genug beschrieben, was die Psychologen wirklich gemacht haben. Tatsächlich war das Ergebnis, dass sich knapp 80 Prozent der Autofahrer selbst zur „besseren“ Hälfte zählen. Und das kann dann wirklich nicht sein, denn eine Hälfte sind natürlich immer 50 Prozent.

  2. Nun ja, Hochbegabt würde ich in diesem Fall durch KREATIV ersetzen, denn dann stimmt es!

    Alle Kinder sind kreativ und wissbegierig (auch die „Doofen“), das Problem ist das die Schule das unterdrückt! Das rigide, das still sitzen (was vor allem bei Jungs eher zu Rebellion führt, vor allem weil das von der Natur einfach nicht vorgesehen ist – aber niemand will was ändern, da es ja bei Mädchen – welche ja immer Unterstützung und Hilfe (und Frauenquoten!) brauchen (zumindest wenn man den Feministen glaubt) – sehr gut funktioniert!), der Frontalunterricht (der meist noch Gang und Gäbe ist und – leider – bei vielen Schülern sogar bevorzugt wird, weil man dann nicht mitmachen muss sondern Schwätzen kann etc.) etc. etc. zerstören doch jegliche Kreativität, jegliche Eigenverantwortung etc.

    Anmerkung: Das heißt NICHT das ich ein Fan von Waldorfschulen etc. bin, jedoch ist das Konzept wie wir es momentan haben genauso falsch!

    Nicht umsonst sind viele gute Künstler SCHULABBRECHER und auch Firmen-Chefs sind oft Abbrecher von Universitäten (u.a. Bill Gates!)

    Das heißt nicht das eine hohe Abbrecherquote gut ist – im Gegenteil – sondern das sich am System (egal ob Bildung, Arbeit oder gar Staatssystem!) etwas ändern muss!

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