„Wer kein Geld hat, denkt langsamer“

StimmtHaltNicht – Lässt sich in drei Sätzen erklären, wie Armut und Intelligenz zusammenhängen? Schon wer als arm gilt und was man unter Intelligenz überhaupt zu verstehen hat, ist nicht immer ganz einfach zu erklären. Die Bild-Zeitung hat es am Samstag trotzdem versucht. Auf Seite 1 wird dort eine Studie aus dem Fachblatt Science so zusammengefasst: „Wer Geldsorgen hat, ist nicht nur ärmer, sondern auch dümmer […].“ Im zweiten Satz heißt es, wer arm sei, schneide in Intelligenztests um 13 Punkte schlechter ab als andere Menschen. Warum? Möglicherweise blockieren Geldsorgen das Denken.

Ist das wirklich so einfach? Wäre famos, wenn es so wäre. Tatsächlich beziehen sich die Bild-Journalisten auf eine interessante Studie der Wirtschaftswissenschaftlerin Anandi Mani von der University of Warwick. Aber Mani hat eben nicht herausgefunden, dass arme Menschen dümmer sind als andere. In einer Serie von Versuchen bat Mani Probanden mit unterschiedlichen Einkommen, an Intelligenztests teilzunehmen. Zuvor sollten die Versuchspersonen verschiedene Szenarien durchdenken. Dabei sollten sie sich zum Beispiel vorstellen, ihr Auto sei kaputt. Die Reparatur koste 1500 Dollar (teure Bedingung) oder 150 Dollar (neutrale Bedingung).

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Warum Heino der Affe laust? Wissen wir leider auch nicht. Foto: StimmtHaltNicht

War die Autoreparatur eher billig, hatte das keinen Einfluss auf die Ergebnisse. Alle Teilnehmer schnitten ähnlich gut ab. Anders sah es nur aus, wenn der Hinweis auf eine teure Reparatur die ärmeren Versuchspersonen an ihren Kontostand erinnerte. Das beschäftigte sie so stark, dass sie im Durchschnitt schlechter abschnitten. So kommt die Bild-Zeitung auf einen Verlust von 13 IQ-Punkten. Um das einordnen zu können, wäre ein Vergleich hilfreich gewesen, der sich in der offiziellen Pressemitteilung findet. Dort heißt es, die Denkfähigkeit sei etwa so stark beeinträchtigt wie nach einer schlaflosen Nacht.

Das ist nicht unplausibel. Wir alle haben nur begrenzte geistige Ressourcen. Wer plötzlich daran denken muss, dass ihm Geld auf dem Konto fehlt, ist wahrscheinlich wirklich nicht in der Lage, sich voll auf einen Intelligenztest zu konzentrieren. Die Forscher vergleichen das mit Fluglotsen, die gerade dabei sind, eine Kollision von zwei Flugzeugen zu verhindern – sie haben dann auch weniger Ressourcen für die anderen Flugzeuge auf dem Radar. Sind Fluglotsen in seiner solchen Situation plötzlich „dümmer“ als sonst?

Es braucht vielleicht etwas Platz, um das zu erklären (wie ihn sich etwa die Kollegen im Deutschlandfunk genommen haben). Die Bild-Mitarbeiter hätten ihn sich nehmen sollen. Das ist auch eine Frage des Respekts und der Verantwortung. Denn sonst bleibt schnell hängen: Arm gleich dumm gleich selber schuld.

Quellen:
Bild-Zeitung vom 31. August 2013, Seite 1 (die Online-Version ist nicht ganz so knapp)
Anandi Mani, Sendhil Mullainathan, Eldar Shafir, Jiaying Zhao (2013). Poverty Impedes Cognitive Function. Science, 341, 976-980 (Abstract)
Pressemitteilung der Princeton University vom 29. August 2013: Poor concentration: Poverty reduces brainpower needed for navigating other areas of life (Link)

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