Schöne Menschen, Wasser das schlau macht und mehr

KurzVerlinkt – Sex hilft gegen Kopfschmerzen? Vegetarier sind kranker als Fleischesser? Das stimmt selbstverständlich beides nicht, und wir haben darüber geschrieben.

Es gibt aber natürlich noch viel mehr Dinge, die nicht stimmen, die seltsam und manchmal auch lustig sind. Nicht alle Themen, die wir interessant finden, schaffen es letztlich in diesen Blog. Das ist eigentlich schade. Deshalb posten wir ab jetzt unregelmäßig Links zu Beiträgen, die zwar spannend sind, denen wir aber nicht weiter nachgegangen sind.

  • Sind schöne Menschen bessere Sportler? Das klingt nicht nur weit hergeholt – es stimmt halt auch nicht, schreibt die Wissenschaftsjournalistin Erika Engelhaupt. In ihrem Blogpost „Attractiveness studies are hot, or not“ seziert sie Studien und Medienberichte, die Zusammenhänge zwischen Attraktivität und wünschenswerten Eigenschaften behaupten. (Link)
  • Helfen Vitamin-D-Nahrungsergänzungsmittel gegen Depressionen? Bisherige Studien zu dieser Frage sind methodisch mangelhaft, sagen Medizinier um Jonathan Shaffer. Nachdem die Forscher sich sieben halbwegs aussagekräftige Veröffentlichungen angesehen haben, kommen sie zu dem Schluss: Insgesamt gab es keinen Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Ergänzungsmitteln und der Besserung depressiver Symptome. Allerdings fanden sie in zusätzlichen Auswertungen durchaus Effekte. Antworten können nur bessere Studien geben. (Abstract)
  • Die beliebtesten Extrakte für pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel stammen in Europa übrigens aus: Ginkgo, Gemeiner Nachtkerze, Artischocke und Ginseng. Das berichten Wissenschaftler im Fachmagazin Plos One. Der Beitrag hat eine der längsten Liste von Interessenkonflikten, die wir je gesehen haben, aber das nur am Rande. (Volltext)
  • Auch wir hatten über Manfred Spitzers Thesen zur digitalen Demenz berichtet. Nun haben Medienpsychologen gezeigt, wie wenig Spitzers Behauptungen tatsächlich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmen. (Volltext)
  • Die Intelligenzforscherin Tanja Gabriele Baudson entdeckt in einem amerikanischen Supermarkt Wasser, das schlau machen soll. (Link)

Zombie-Mythos Mozart-Effekt

StimmtHaltNicht – Sehr wahrscheinlich gibt es den Mozart-Effekt nicht. Klassische Musik hat wohl keine direkte Auswirkung auf die Intelligenz.

Wir dachten: Das ist bekannt. Zwar hatte 1993 die Neurologin Frances Rauscher berichtet, dass die Musik des österreichischen Komponisten die geistige Leistung fördere. Doch in den folgenden 20 Jahren haben andere Wissenschaftler diesen Mythos eigentlich pulverisiert.

Doch im Dezember 2013 berichtet Spiegel Online: „[…] [Seit 1993] werden die klassischen Klänge als geradezu magisches Mittel zur Steigerung des IQ gefeiert. Eine neue Analyse zeigt nun: alles Unsinn.“

Neu ist daran wirklich wenig. Wissenschaftler um Kenneth Steele wiederholten noch im vergangenen Jahrtausend die Versuche von Rauscher. Ohne Erfolg: Obwohl sie ihren Probanden dieselben Mozartsonaten vorspielten und ihnen dieselben Aufgaben stellten, schnitten sie bei Intelligenztests nicht besser ab als andere Versuchspersonen.

Und 2010 veröffentlichten österreichische Psychologen um Jakob Pietschnig eine umfangreiche Metaanalyse, für die die Forscher knapp 40 einzelne Studien mit mehr als 3000 Teilnehmern ausgewertet hatten. Auch sie fanden nur äußerst geringe Auswirkungen klassischer Musik – die größten übrigens in den Studien, an denen Frances Rauscher selbst beteiligt war.

Bei Spiegel Online erfährt der Leser wenig von der langen, kritisch beäugten Geschichte des Mozart-Effekts. Mehr noch: Die Studie, die jetzt den Mythos zerstören soll, tut gerade das nicht. Denn Frances Rauscher spielte Studenten klassische Musik vor und ließ sie dann Intelligenztests zum räumlichen Denken lösen. Für die neue, auf Spiegel Online zitierte Arbeit beobachteten Forscher um Samuel Mehr dagegen vierjährige Kinder. Diese hörten keine Mozartsonaten, sondern wurden von ihren Eltern für sechs Wochen zur musikalischen Früherziehung geschickt. Und am Ende stand auch kein Intelligenztest, sondern es ging um andere Aufgaben, unter anderem zur räumlichen Orientierung.

Zusammengefasst: Spiegel Online beerdigt den Mozart-Effekt, obwohl der schon mehr als tot ist. Und gerade die vorgestellte Studie widerlegt ihn nicht. Warum er überhaupt herangezogen wurde, ist uns nicht klar. Schließlich wäre die Studie von Samuel Mehr auch sonst interessant gewesen.

Quellen:
Spiegel Online (2013). Mythos entzaubert: Musik von Mozart macht doch nicht klüger (Link)
Kenneth M. Steele et al. (1999). Prelude or requiem for the ‘Mozart effect’? Nature 400, 827. DOI: 10.1038/23611 (Volltext)
Jakob Pietschnig et al. (2010). Mozart effect–Shmozart effect: A meta-analysis. Intelligence, 38/3, 314-323. DOI: 10.1016/j.intell.2010.03.001 (Abstract)
Samuel A. Mehr (2013). Two Randomized Trials Provide No Consistent Evidence for Nonmusical Cognitive Benefits of Brief Preschool Music Enrichment. Plos One. DOI: 10.1371/journal.pone.0082007 (Volltext)

„Jedes Kind ist hochbegabt“

StimmtHaltNicht – Der Trailer beginnt mit den Bildern einer Wüste im Dämmerlicht. Aus dem Off lobt eine Stimme erst die menschliche Vorstellungskraft. Dann warnt sie, dass Kindern diese Imaginationsfähigkeit systematisch ausgetrieben werde. Es folgt ein Schnitt, eine Texttafel wird eingeblendet:

„98 Prozent der Kinder kommen hochbegabt zur Welt. Nach der Schule sind es nur noch zwei Prozent.“

So wirbt der Regisseur Erwin Wagenhofer für seinen aktuellen Film. Seit vergangenem Donnerstag (31. Oktober 2013) wird Alphabet in Deutschland gezeigt. Am Ende des Trailers wiederholt der Neurowissenschaftler Gerald Hüther noch einmal die These, dass jedes Kind hochbegabt sei.

Wie man es auch dreht und wendet: Das ist Quatsch. Denn Hochbegabung ist ein halbwegs klar umrissenes Konzept aus der Intelligenzforschung. Hochbegabt ist, wer intellektuelle Leistungen erbringt, die weit über dem Durchschnitt liegen. Per Definition liegt der Durchschnitts-IQ bei 100. Hochbegabt ist, wer auf einen IQ von mehr als 130 kommt. Von 100 Menschen, die sich testen lassen, sind das etwa zwei.

Dabei ist Intelligenz relativ. Nehmen wir an, 98 Prozent der Kinder könnten bereits bei ihrer Geburt lesen. Das wäre beeindruckend. Doch vergliche man ihre Fähigkeiten, würde wieder ein Durchschnitts-IQ von 100 herauskommen. Denn Intelligenz ist, anders als etwa die Körpergröße, nie absolut, sondern entsteht immer im Vergleich zu anderen Menschen.

Die Aussage aus dem Alphabet-Trailer erinnert ein wenig an eine ältere Studie von Psychologen um Iain McCormick: Demnach halten sich 80 Prozent der Autofahrer für überdurchschnittlich gute Fahrzeuglenker. Und auch das kann, statistisch gesehen, natürlich nicht sein.

Quellen:
Trailer des Films Alphabet (Link)
Iain A. McCormick, Frank H. Walkey, Dianne E. Green (1986). Comparative perceptions of driver ability— A confirmation and expansion. Accident Analysis & Prevention, 18/3, 1986, 205-208 (Abstract)
Rena F. Subotnik, Paula Olszewski-Kubilius, Frank C. Worrell (2011). Rethinking Giftedness and Gifted Education: A Proposed Direction Forward Based on Psychological Science. Psychological Science in the Public Interest 12/1, 3-54 (Link)
Ian J. Deary, Alexander Weiss, G. David Batty (2010). Intelligence and Personality as Predictors of Illness and Death: How Researchers in Differential Psychology and Chronic Disease Epidemiology Are Collaborating to Understand and Address Health Inequalities. Psychological Science in the Public Interest 11/2, 53-79 (Link)

„Wer kein Geld hat, denkt langsamer“

StimmtHaltNicht – Lässt sich in drei Sätzen erklären, wie Armut und Intelligenz zusammenhängen? Schon wer als arm gilt und was man unter Intelligenz überhaupt zu verstehen hat, ist nicht immer ganz einfach zu erklären. Die Bild-Zeitung hat es am Samstag trotzdem versucht. Auf Seite 1 wird dort eine Studie aus dem Fachblatt Science so zusammengefasst: „Wer Geldsorgen hat, ist nicht nur ärmer, sondern auch dümmer […].“ Im zweiten Satz heißt es, wer arm sei, schneide in Intelligenztests um 13 Punkte schlechter ab als andere Menschen. Warum? Möglicherweise blockieren Geldsorgen das Denken.

Ist das wirklich so einfach? Wäre famos, wenn es so wäre. Tatsächlich beziehen sich die Bild-Journalisten auf eine interessante Studie der Wirtschaftswissenschaftlerin Anandi Mani von der University of Warwick. Aber Mani hat eben nicht herausgefunden, dass arme Menschen dümmer sind als andere. In einer Serie von Versuchen bat Mani Probanden mit unterschiedlichen Einkommen, an Intelligenztests teilzunehmen. Zuvor sollten die Versuchspersonen verschiedene Szenarien durchdenken. Dabei sollten sie sich zum Beispiel vorstellen, ihr Auto sei kaputt. Die Reparatur koste 1500 Dollar (teure Bedingung) oder 150 Dollar (neutrale Bedingung).

Foto: StimmtHaltNicht
Warum Heino der Affe laust? Wissen wir leider auch nicht. Foto: StimmtHaltNicht

War die Autoreparatur eher billig, hatte das keinen Einfluss auf die Ergebnisse. Alle Teilnehmer schnitten ähnlich gut ab. Anders sah es nur aus, wenn der Hinweis auf eine teure Reparatur die ärmeren Versuchspersonen an ihren Kontostand erinnerte. Das beschäftigte sie so stark, dass sie im Durchschnitt schlechter abschnitten. So kommt die Bild-Zeitung auf einen Verlust von 13 IQ-Punkten. Um das einordnen zu können, wäre ein Vergleich hilfreich gewesen, der sich in der offiziellen Pressemitteilung findet. Dort heißt es, die Denkfähigkeit sei etwa so stark beeinträchtigt wie nach einer schlaflosen Nacht.

Das ist nicht unplausibel. Wir alle haben nur begrenzte geistige Ressourcen. Wer plötzlich daran denken muss, dass ihm Geld auf dem Konto fehlt, ist wahrscheinlich wirklich nicht in der Lage, sich voll auf einen Intelligenztest zu konzentrieren. Die Forscher vergleichen das mit Fluglotsen, die gerade dabei sind, eine Kollision von zwei Flugzeugen zu verhindern – sie haben dann auch weniger Ressourcen für die anderen Flugzeuge auf dem Radar. Sind Fluglotsen in seiner solchen Situation plötzlich „dümmer“ als sonst?

Es braucht vielleicht etwas Platz, um das zu erklären (wie ihn sich etwa die Kollegen im Deutschlandfunk genommen haben). Die Bild-Mitarbeiter hätten ihn sich nehmen sollen. Das ist auch eine Frage des Respekts und der Verantwortung. Denn sonst bleibt schnell hängen: Arm gleich dumm gleich selber schuld.

Quellen:
Bild-Zeitung vom 31. August 2013, Seite 1 (die Online-Version ist nicht ganz so knapp)
Anandi Mani, Sendhil Mullainathan, Eldar Shafir, Jiaying Zhao (2013). Poverty Impedes Cognitive Function. Science, 341, 976-980 (Abstract)
Pressemitteilung der Princeton University vom 29. August 2013: Poor concentration: Poverty reduces brainpower needed for navigating other areas of life (Link)