„Natürliche Kräuter wie Lavendel, Hopfen oder Melisse können auf sanfte Art bei der Entspannung helfen.“

StimmtHaltNicht – Das Zitat ist Teil von acht Tipps für besseren Schlaf. Sie stammen vom Schlafmediziner Michael Feld. Auf diese Tipps sind wir im Vorbeilaufen gestoßen: Sie sind uns im Schaufenster eines Bettengeschäfts aufgefallen. Wir haben uns gleich gefragt, wie gut sie belegt sind – und haben uns das am Beispiel des Lavendels genauer angeschaut.

Unser Fazit: Für den Lavendel-Tipp wäre der Konjunktiv eher angebracht. Unter Umständen könnte Lavendel zur Entspannung beitragen. Die wissenschaftliche Datenlage ist aber eher durchwachsen: Die einen sagen so, die anderen so. Und ob es unangenehme Langzeitfolgen gibt, wenn man jede Nacht in einem Zimmer mit Lavendelduft schläft, ist nicht untersucht.

Wie kommen wir zu dieser Aussage? Den violetten Blüten des Lavendelstrauchs und dem daraus hergestellten Öl wird eine beruhigende Wirkung zugeschrieben. Das Herz schlägt ruhig und gleichmäßig, der entspannende Teil des Nervensystems, der Parasympathikus, übernimmt das Kommando, man fühlt sich entspannt. Soweit die Theorie.

Doch die Ergebnisse, die wir bei einer Recherche in medizinischen Datenbanken gefunden haben, sind eben ziemlich durchwachsen. So vermelden japanische Wissenschaftler einen entspannenderen Schlaf für Versuchspersonen, die in einem nach Lavendel duftenden Raum nächtigen. Klingt erst einmal gut. Der Haken an der Sache ist aber, dass die Schlafforscher ihre Hypothese nur an 15 Versuchspersonen testeten. Bei so niedrigen Zahlen können das aber auch Zufallsbefunde sein.

Iranische Forscher kommen zu dem Schluss, dass herzkranke Menschen im Krankenhaus besser schlafen, wenn sie ein Baumwolltuch mit zwei Tropfen Lavendelöl in der Nähe haben. In dieser Studie waren die Fallzahlen zwar höher. Allerdings erhielt die Lavendelgruppe zusätzliche Aufmerksamkeit vom Pflegepersonal, während die Vergleichsgruppe nur die normale Basispflege bekam. So lässt sich nicht ausschließen, dass die erhöhte Zuneigung in Wirklichkeit für die Unterschiede verantwortlich war.

Während diese Arbeiten aus Japan und Iran nur wenige Nächte dauerten, haben sich Fachleute aus Taiwan immerhin drei Monate der Beobachtung gegönnt. Eine Gruppe von Frauen zwischen 45 und 55 Jahren inhalierte zwei Mal pro Woche Lavendelduft, während einer zweite Gruppe Informationen zu gutem Schlaf vermittelt wurde. Alle Teilnehmerinnen litten an Schlafproblemen. Die Lavendelfrauen hatten kurzfristig eine geringe Herzschlagfrequenz und eine höhere Aktivierung des Parasympathikus, waren also entspannter. Langfristig zeigten sich allerdings keine nachhaltigen Unterschiede.

Die Psychologen Brian Hughes und Siobhan Howard von der National University of Ireland sind sich zudem sicher, dass ein Großteil der Entspannungseffekte von Lavendelduft auf entsprechende Erwartungen zurückgeht. Hughes und Howard zeigten das in einem Laborexperiment mit 96 Studentinnen. Nach einer anstrengenden Aufgabe erhielten die Teilnehmerinnen ein Placebo oder eine Form von Lavendelzubereitung*. Ergebnis: Entspannend wirkte beides – wenn die Studienleiter vorher eine entsprechende Erwartungshaltung aufgebaut hatten.

Was uns aufgefallen ist: Die Versuchspersonen und die Ziele der Behandlung mit Lavendelduft waren sehr unterschiedlich – junge Frauen, alte Frauen, gesunde Teilnehmer und kranke Teilnehmer, alles vertreten. Daraus lässt sich beim besten Willen keine pauschale Empfehlung ableiten: Was für jemanden mit Herzproblemen in einem iranischen Krankenhaus gut ist, muss es für einen Durschnittsschlaflosen in Deutschland noch lange nicht sein.

* Wir wissen nicht, was für eine Form von Lavendelzubereitung in der Studie von Hughes und Howard eingesetzt wurde.

Quellen:
Wie sind wir auf unsere Quellen gestoßen? Wir haben zuerst bei der Cochrane Library geschaut. Dort findet man oft umfangreiches Material. Zum Thema Lavendel und Schlaf waren allerdings keine Informationen vorhanden. Wir haben dann bei der Medizindatenbank Pubmed geschaut: Sie listet für diese Stichworte 32 Treffer; bei näherem Hinschauen waren viele aber für unsere Fragestellung nicht weiter interessant. Im Folgenden die Quellen, die wir intensiver berücksichtigt haben.

Hirokawa K, Nishimoto T, Taniguchi T. (2012). Effects of lavender aroma on sleep quality in healthy Japanese students. Percept Mot Skills, 114/1, S. 111-22 (Abstract)
Mahin Moeini et al. (2010). Effect of aromatherapy on the quality of sleep in ischemic heart disease patients hospitalized in intensive care units of heart hospitals of the Isfahan University of Medical Sciences. Iran J Nurs Midwifery Res, 15/4, S. 234–239 (Volltext)
Chien LW, Cheng SL, Liu CF (2012). The effect of lavender aromatherapy on autonomic nervous system in midlife women with insomnia. Evid Based Complement Alternat Med, online, doi: 10.1155/2012/740813 (Volltext)
Siobhán Howard, Brian M. Hughes (2008). Expectancies, not aroma, explain impact of lavender aromatherapy on psychophysiological indices of relaxation in young healthy women. British Journal of Health Psychology, 13/4, S. 603–617 (Abstract)

Digitale Medien machen dumm und aggressiv

StimmtHaltNicht. Machen Navis dumm, weil sie uns das Denken abnehmen, verkümmert unser Gedächtnis, weil wir Fakten in Clouds abspeichern oder googlen können? Der Psychologe, Hirnforscher und Bestsellerautor Manfred Spitzer meint: ja. In seinem neuen Werk „Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ warnt er vor schädlichen Folgen für Heranwachsende.

Die Kollegen von dasgehirn.info haben das Buch gelesen. Ihr Fazit: Solange Spitzer über konkrete Gefahren für Kinder und Jugendliche schreibt, belegt er seine Thesen nachvollziehbar. Doch was ist mit der eingangs zitierten Aussage, dass Internet, Computer und Smartphones auch für Erwachsene Teufelszeug sind? Gut belegt ist sie anscheinend nicht, wie der vollständige Beitrag der Hirnexperten zeigt.
Wir von StimmtHaltNicht denken nicht, dass das Internet grundsätzlich schlecht ist – schon weil wir darin so interessante Beiträge wie diesen finden.

Quelle: http://dasgehirn.info/aktuell/hirnforschung/der-sarrazin-kniff-mit-der-digitalen-demenz-4779

Kopfbälle machen doof

StimmtHaltNicht – bisher weiß man einfach nicht, ob Fußballspieler, die gerne auch einmal ihren Kopf benutzen, doof werden. Daran ändert auch die Ergebnisse einer Studie aus den USA nichts, die im Rahmen einer Poster-Session des alljährlichen Treffens der Radiological Society of North America (RSNA) in Chicago vorgestellt wurden: Wissenschaftler um Michael Lipton untersuchten 38 Männer, die seit ihrer Kindheit Fußball spielen. Die Forscher erhoben, wie oft die Amateur-Spieler den Ball mit dem Kopf trafen. Das Ergebnis: Häufiges Kopfballspiel war mit Hirnschäden verbunden. Dabei waren Bereiche betroffen, die unter anderem für Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Verhaltenssteuerung relevant sind.Movie Rings (2017)

Lassen sich die Ergebnisse übertragen? Kein Mensch kennt die Studie und die entsprechenden Details. Bisher hat nur das Albert Einstein College of Medicine eine Pressemitteilung veröffentlicht. Darin fehlen wichtige statistische Angaben. Das ist auch nachvollziehbar. Eine Pressemitteilung soll Journalisten anfixen und dazu bringen, über ein Thema zu berichten. Wer sich genauer mit der Kopfball-Studie auseinandersetzen möchte, der braucht tiefer gehende Antworten. Der muss wissen, nach welchen Kriterien die Wissenschaftler ihre Versuchspersonen ausgewählt haben. Wie verhindert wurde, dass Menschen, die möglicherweise unabhängig vom Fußball an Hirnschädigungen litten, die Ergebnisse verzerrten. Außerdem wäre es interessant, ob nicht auch andere Gründe für die Ergebnisse verantwortlich sein könnten. Vielleicht ist das Gefährliche nicht der Kontakt mit dem Ball, sondern der gelegentliche Zusammenstoß mit dem Kopf des Gegenspielers? Nicht schaden könnten auch Hinweise, warum die Forscher nur 38 Probanden untersuchten. Auf den ersten Blick scheint das eine zu geringe Zahl zu sein, um beim Freizeit-Kick zurückhaltender zu sein.

Quellen:
Abstact der Studie, http://rsna2011.rsna.org/search/event_display.cfm?em_id=11001570
Pressemitteilung, www.eurekalert.org/pub_releases/2011-11/aeco-fi111711.php
Bericht auf Spiegel-Online, www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,800597,00.html
Bericht der BBC, www.bbc.co.uk/news/health-15917035